Freitag, 10. August 2018

Diese Heirat muss verhindert werden!


Greer Hendricks & Sarah Pekkanen: The Wife between uns. 442 Seiten. 12,99 €. Rowohlt Polaris
Krimis, in denen grausam gemetzelt wird, sind nicht mein Fall. Ich gehöre eher zur Highsmith-Fraktion und goutiere psychologisch raffiniert konstruierte Romane. So einer ist dem Autorinnenduo gelungen:
Vanessa führt als Ehefrau an der Seite von Richard ein Luxusleben. Doch dann verlässt dieser Traummann – gutaussehend, erfolgreich, charmant, fürsorglich - sie für die junge Nellie und will diese  sogar heiraten. Die alkoholsüchtige, psychisch lädierte Vanessa hat nur eines im Kopf: Diese Heirat muss sie auf jeden Fall verhindern.
Abwechselnd werden Vanessas verzweifelte Gefühle nach der Trennung und Nellies ahnungslose Vorbereitungen auf die Hochzeit beschrieben. Darin liegt schon eine Menge Spannung. Eine rachsüchtige Ex – man weiß ja, zu was die fähig ist. Doch dann zeigt sich: Nichts ist, wie es scheint. Ein Vexierspiel beginnt, in dem falsche Fährten gelegt werden. Plötzlich sieht man als LeserIn die Geschichte aus einer völlig anderen Perspektive. Mehr möchte ich aber jetzt nicht verraten, um die Spannung zu erhalten. Nur so viel: Es geht um ein Abhängigkeitsverhältnis, in das drei Frauen verwickelt sind und in dessen Zentrum der „Traumprinz“ Richard steht. 
Der Roman überrascht durch unerwartete Wendungen, die sich erst langsam entfalten und überzeugt mit ausführlichen Schilderungen der Protagonistinnen. Wem Bücher wie „Gone Girl“ oder „Girl On the Train“ gefallen hat, der wird auch dieses Buch mögen. Es ist spannend, überraschend und wirkt vor allem durch seinen psychologischen Ansatz.

Sonntag, 5. August 2018

Stärke zeigen

Frank Rebmann: Der Stärkencode. Die eigenen Talente entschlüsseln und weiterentwickeln. 220 Seiten. 16,95 €. Campus

Der Spruch „Stärken stärken“ ist gewiss jedem geläufig. Also nicht verzweifelt an den Schwächenzu  arbeiten, sondern lieber das eigene Talent, das schon in unseren Genen steckt, zu entfalten. Genau darum geht es in diesem Ratgeber. Doch zunächst müssen die eigenen Stärken ja erst einmal erkannt werden. Dazu bietet Rebmann einen Selbsttest an, der auf zahlreichen Eigenschaften beruht. Die beurteilt man für sich und landet schließlich als Ergebnis auf einer von 5  Dimensionen: Analytische, entdeckende, praktische, kooperative oder stabilisierende Stärke. Im Folgenden geht es dann darum, wie man diese Stärke  ausleben kann. Denn erst dann sind wir wirklich glücklich. Entsprechend nimmt sich der Autor die inneren Saboteure vor, die uns daran hindern, zum Beispiel Verzettelung, Aufschieberitis oder Perfektionismus, und zeigt .Auswege. Mit der Formel „Talent + Training = Stärke + Erfolg“ entlässt er die LeserInnen als AutorInnen ihres eigenen Drehbuches. Sie sind aufgefordert, aus ihrem angeborenen Talent eine Stärke zu machen und diese beruflich einzusetzen. Das Ergebnis ist verlockend: Leichtigkeit, Leidenschaft, Freude und last but not least hervorragende Arbeit..
Wer sich schon mit dem Thema „Talent“ beschäftigt hat, wird zu diesem Thema zwar nichts überraschend Neues finden, wohl aber praktische Hilfestellung, um die eigenen Stärken zu entdecken und sie auch auszuleben.

Montag, 30. Juli 2018

Buddha heilt Liebeskummer

Meshe Laurie: Nach der Trennung kommt das Glück. Mit Buddha Liebeskummer meistern. 254 Seiten. 10.- €. Ullstein

Wer schon mal so richtig Liebeskummer gehabt hat, weiß, wie fürchterlich das ist. Als sich damals mein erster Freund von mir trennte, wäre ich fast von der Brücke gesprungen. Auch in reiferem Alter ist niemand gegen diesen Schmerz immun, der von Selbstzweifeln und zerbrochene Zukunftsträumen verstärkt wird. Als Meshe Laurie nach 19jähriger Ehe von ihrem Mann Adrian verlassen wird, ist sie am Boden zerstört. Er ist ihre große Liebe, ihr Halt, ihr Anker im Leben. Dabei hat sie über Jahre verdrängt, dass sie sich längst als Paar verändert haben, dass sich Routine eingeschlichen hat – und nun ist es aus. Weder die beste Freundin noch eine gute Therapeutin können Meshe wirklich helfen. Was sie heilt, sind die Lehren Buddhas, seine Vier Edlen Wahrheiten und der Edle Achtfache Pfad. Wer sich damit befasst, erkennt etwa, wie sehr Leidenschaften den Geist trüben und dass alles im Leben der Veränderung unterworfen ist. Die buddhistischen Wahrheiten lassen sich auch sehr gut auf Trennungsschmerz anwenden. Mit ihrer Hilfe befreit sich die Autorin Schritt für Schritt. Dabei setzt sie die Lehre zu ihrem eigenen Erleben in Bezug. (Grafisch wird das übersichtlich  jeweils in einem Kasten abgesetzt.)
Eine überzeugende und inspirierende Methode, mit Liebeskummer fertig zu werden. Dank Buddhas Weisheiten muss niemand von der Brücke springen. Stattdessen wächst die eigene Persönlichkeit. Ein empfehlenswertes Buch für alle gebrochenen Herzen. Und auch für ungebrochene sehr lehrreich.

Dienstag, 24. Juli 2018

Wir müssen reden!

Roman Braun: Die Macht der Rhetorik. 309 Seiten. 19,99 €  Redline Verlag

Der Ratgeber fängt schon mal gut an, nämlich mit den „10 Anfängerfehlern“. Die machen keineswegs nur Anfänger, wie ich als Zuhörerin schon mehrfach feststellen durfte. Etwa selbstgefällig von sich zu reden, statt das Publikum in den Mittelpunkt zu stellen, oder negativ zu sprechen, statt zu motivieren. Auch im Weiteren bietet das Buch sowohl EinsteigerInnen als auch erfahrenen RednerInnen einen theoretisch fundierten Leitfaden für Rhetorik in der Praxis. Dabei wird das Thema umfassend behandelt, von der Körpersprache bis zum Umgang mit verbalen Angriffen. Die Grundsätze werden präzise und gut verständlich beschrieben und mit vielen Beispielen, auch von bekannten Persönlichkeiten, illustriert. Mir als Struktur-Fan gefällt der klare Aufbau.  Dazu gehört auch eine kurze Zusammenfassung nach jedem Kapitel. So kann man sich jederzeit auf einen Blick informieren.
Der Schreibstil ist weniger unterhaltsam, sondern ähnelt eher einer Vorlesung, in der umfangreiches Wissen über Rhetorik vermittelt wird.
Man muss das Buch durcharbeiten, um etwas davon zu haben. Aber wer wirklich etwas über Rhetorik lernen und sich verbessern möchte, hat damit ein gelungenes Standardwerk in der Hand.

Donnerstag, 19. Juli 2018

Überflieger

Christian Bischoff: Unbesiegbar. 55 Geheimnisse wie du alle anderen überflügelst. 122 Seiten. 10.- € . Ariston Verlag

Man merkt dem Titel an, dass der Autor ehemals Profi-Basketballer war. Im Leistungssport geht es ja tatsächlich ums Überflügeln. Ob man auch im täglichen (Berufs-)Leben auf Konkurrenz setzen sollte, lasse ich mal dahingestellt. Aber „Geheimnisse“ und „alle anderen überflügeln“ spricht natürlich Neugier und Wünsche an. Der Inhalt ist dann eher handfest. Christian Bischoff, heute als Redner und Seminartrainer unterwegs, hat 55 erprobte Tipps für ein erfolgreiches Leben zusammengestellt und auf jeweils einer Seite erläutert. Etwa: „Denke in Chancen und Möglichkeiten“, „Stelle dir die richtigen Fragen“, „Sag Ja zum Leben.“ „Investiere in dich selbst.“ Die Statements sind nicht neu, regen aber in ihrer Zusammenstellung zum Nachdenken an. Dabei blitzt in den Texten immer wieder der Motivationstrainer durch, der alles für machbar hält. Das muss wohl, wenn man ein großes Publikum aufmuntern will. Aber als Psychologin, die in ihrem Buch „Tango vitale - Krisen und Chancen nutzen“ auch die Unberechenbarkeit des Schicksals beleuchtet hat, bin ich in dem Punkt allerdings skeptisch. Wir haben nicht alles in der Hand. Sieht man von diesem berufsbedingten Optimismus ab, sind die Tipps anwendbar und nützlich. Praktischerweise ist das Buch nicht größer als ein Taschenkalender. So kann man es unterwegs mitnehmen und immer mal die eine oder andere Seite lesen.






Sonntag, 8. Juli 2018

Dem Leid Paroli bieten

Thomas Hohensee: Stärker als das größte Leid. Resilienz aufbauen. In drei Schritten unerschütterlich durchs Leben. 159 Seiten. 16.- € . Nymphenburger
Ich bin ein erklärter Fan der Ratgeber von Thomas Hohensee. Sie haben eine klare, einfache – aber nie simple! – Sprache und vermitteln auch bei schweren Themen einen realistischen Optimismus. Psychologisch-philosophische Grundlage sind die Lehren des Buddhismus und die Rational-emotive Verhaltenstherapie, deren Credo lautet: Wir fühlen und handeln, wie wir denken. Beides eignet sich auch gut, um Leiden gefasst zu begegnen. Dass es kein Leben ohne Leid gibt, wird wohl niemand bezweifeln, wie schon das Sprichwort sagt: „Unter jedem Dach ein Ach“. Der Autor macht drei Fähigkeiten aus, die es braucht, um selbst im Schmerz unerschütterlich zu bleiben: 1. Den Status quo akzeptieren, ohne passiv zu sein. 2. Einen höheren Sinn in dem Geschehen entdecken. 3. Auf das Unvorhersehbare kreativ reagieren und zu improvisieren. Diese drei Schritte werden ausführlich erläutert und mit Beispielen bekannter Persönlichkeiten belegt, etwa Viktor Frankl oder Ruth Westheimer.
Das Buch gibt eine kluge, praktische Anleitung, wie sich das eigene Leid lindern lässt. Um es ein wenig poetisch auszudrücken: Schon beim Lesen wirkt es wie eine sanfte, kühle Hand auf einer fieberheißen Stirn. Aber ich empfehle es nicht nur denjenigen, die gerade Leid erfahren, sondern allen, die lernen wollen, wie man sich vorsorglich dagegen wappnet. Mir jedenfalls hat es einen großen Teil der Angst vor dem Unvermeidlichen genommen.  

Donnerstag, 5. Juli 2018

Das Leben in Kurzform

Markus Mirwald: Der vielleicht größte Schatz. Wesentliches in wenigen Worten. Bd. 1. 50 Seiten. 24.- €.

Ich liebe Aphorismen. Definiert werden sie als „prägnant-geistreiche, in sich geschlossene Sinnsprüche, die eine Erkenntnis, Erfahrung, Lebensweisheit vermitteln.“ Klug und/oder humorvoll regen sie zum Nachdenken an. Eigentlich könnte jeder von uns seine Erfahrungen in solche kurzen Sätze gießen, doch sie zu formulieren ist ähnlich schwer, wie ein Gedicht zu schreiben. Dem österreichischen Autor Markus Mirwald ist das gelungen. In seiner Sammlung von 50 eigenen Aphorismen finden sich etwa diese: „Es bedarf nichts weiter als einer verblüffenden Erkenntnis, um all unsere vorangegangenen Erlebnisse in ein neues Licht zu rücken.“ „Perfektionismus ist die Neigung, durch den Fokus auf Details das Wesentliche aus den Augen zu verlieren.“ Einige Aphorismen sind hintergründig, andere eher schlicht. Aber bei allen fast kann man zustimmend nicken: Ja, genau so ist es.
Der Autor hat das Buch im Selbstverlag herausgebracht. Es ist ansprechend gestaltet, im Querformat mit orange-weißem Hardcover. Auf edlem Papier steht jeder Aphorismus auf einer Seite, jeweils in gut lesbarer Handschrift und in Druckschrift. Ein schönes Geschenk für Freunde und eine Anregung, die eigenen Erfahrungen vielleicht auch einmal in kurze Sätze zu fassen.
Hier ist die Website mit Bestellmöglichkeit
P.S. Falls Sie noch mehr Aphorismen verschiedener Autoren lesen möchten, schauen Sie doch mal auf meinen Aphorismen-Blog:


Samstag, 30. Juni 2018

Wellenreiten

William Finnegan: Barbarentage. 566 Seiten. 18.- €. Suhrkamp

Zwar habe ich noch nie auf einem Board gestanden, doch das hindert mich nicht, mich für alles zu begeistern, was mit Surfen zu tun hat. Etwa für Filme wie „Riding Giant“ und „Step into the Liquid“. Und nun für ein Buch, in dem es vor allem ums Wellenreiten geht.
William Finnegan, geboren 1952, aufgewachsen auf Hawaii, Journalist und Kriegsreporter, surft seit seinem 11 Lebensjahr. In seiner Autobiografie ist von seinem Beruf und seinen Beziehungen weniger die Rede als von den Hot Spots der Surferszene. Seine Leidenschaft führt ihn nach Honolulu, Maui, Australien, Asien, Afrika und Madeira. Er reist von Strand zu Strand, immer auf der Suche nach der idealen Welle. Egal an welcher Stelle man das Buch aufschlägt, es geht ums Surfen, mit sämtlichen Facetten. Seite 178: „Manchmal, vor allem, wenn ein Swell richtig feuerte, brach im Wasser eine Hektik aus, die an Wahnsinn grenzte.“ Seite 310: „Ich deutete das ganze Riff völlig falsch. Anscheinend kam es mir nie in den Sinn, einen Peak weiter unten entlang des Riffs zu suchen, wo mich ein machbarer Takeoff zu einer saubereren, besser laufenden Welle geführt hätte.“ Seite 440: „Meistens surfte er besser als ich, und in Delgada traute er sich ganz allein in ein windgepeitsches Tiefseegebiet jenseits des Point und jagte Monstern nach, von denen ich gar nichts wissen wollte.“ Dabei geht Finnegan ganz selbstverständlich davon aus, dass man weiß, was ein Cleanup-Set, ein Drop oder ein Goofyfoot ist. Zum Glück gibt es hinten ein Glossar der gängigen Begriffe.
Auf über fünfhundert Seiten so großartig über Wellen(reiten) zu schreiben, ist eine Kunst, die an Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ erinnert. Inhaltlich  hat das Buch jedoch kaum   Höhepunkte, vielmehr fließt es, wie das Wasser, wie das Leben. Man muss sich geduldig darauf einlassen, dann ist es faszinierend. Sonst wird man sich langweilen.      

Donnerstag, 21. Juni 2018

Möge die Macht mit dir sein!

Phil Stutz, Barry Michels: The Force. 346 Seiten. 20.- €. Arkana

Die Autoren, beide renommierte Psychotherapeuten, zählen zahlreiche US-Stars zu ihren Patienten. Aber auch die Probleme von weniger prominenten Menschen lösen sie mit ihren unorthodoxen Methoden. Ihr erster Ratgeber „The Tools“ (die deutschen Übersetzungen tragen englische Titel) habe ich mit großem Interesse gelesen. Darin geben sie mit fünf  Fantasieübungen wirkungsvolle Werkzeuge an die Hand, um Ängste und negatives Denken zu besiegen. Ihr neues Buch „The Force“ ist eine Fortsetzung und Erweiterung. Unter der „Force“ verstehen sie die Lebensenergie, die uns drängt, unser Potenzial zu erweitern. Ihr Gegenspieler ist eine geheimnisvolle Kraft, die in uns allen steckt. Sie hindert uns auf perfide Weise daran, uns zu entwickeln. Stutz und Michels bezeichnen sie als „Part X“. Tatsächlich kennt wohl jeder von uns innere Bremsen, die uns davon abhalten, ein erfülltes Leben zu führen, wie etwa Bequemlichkeit, Ängste, mangelnde Disziplin. In diesem Buch gibt es ebenfalls „Tools“. Mit ihnen soll Part X geschwächt werden. Sie heißen „Die Schwarze Sonne“, „Der Wirbel“, „Die Mutter“ und „Der Turm“. Im Gegensatz zum ersten Buch erschließt sich mir nicht, warum gerade diese Bilder gewählt wurden: Warum ist die Sonne schwarz? Wie schluckt die „Mutter“ die bedrückende Masse negativer Gedanken? Aber nun ja, man kann schließlich ausprobieren, ob es wirkt. Genial ist jedenfalls die Benennung von „Part X“, einer modernen Version des Teufels, der in uns gegen das Gute kämpft. Damit hat das Gefühl einen Namen und kann jederzeit identifiziert werden.
Die Grundidee der Therapeuten, mit inneren Bildern gegen mentale und emotionale Beeinträchtigungen vorzugehen, ist faszinierend. Dazu geben sie LeserInnen gutes Werkzeug an die Hand. Ihre Mischung aus Schamanismus, Fantasie und psychologischem Wissen ist beeindruckend und lesenswert.

Sonntag, 17. Juni 2018

Die Freiheit der Frauen

Nina George: Die Schönheit der Nacht. 314 Seiten. 18,99 €. Knaur

Nina George kenne ich noch als Kolumnistin des Hamburger Abendblattes – ohne sie hätte ich nicht gewusst, dass bei Planten und Blomen im Sommer wunderbare Wasserspiele stattfinden. Später habe ich mit Vergnügen ihre bezaubernden Bücher „Die Mondspielerin“ und „Das Lavendelzimmer“ gelesen, mit dem sie international Erfolg hatte. Nun ist ein neuer Roman von ihr erschienen, den ich natürlich gleich lesen musste. Vor allem wo er wieder in der von mir geliebten Bretagne spielt.-
Die Pariser Verhaltensbiologin Claire und ihr Ehemann, der Komponist Gilles, führen scheinbar ein perfektes Leben, zusammen mit ihrem fast erwachsenen Sohn Nicolas. Und doch fehlt dem Paar das Gefühl, wirklich zu leben und nicht nur zu funktionieren. Jeder der beiden versucht, über Seitensprünge wieder ein Gefühl von Leidenschaft zu gewinnen. Ihren Sommerurlaub verbringen Claire und Gilles mit ihrem Sohn und dessen neuer Freundin Julie in ihrem Haus in der Bretagne. Dort kommen sich die beiden Frauen näher. Die kühle, innerlich wie versteinerte Claire und die lebenshungrige, aber ängstliche Julie sind von einander fasziniert. Während die erfahrene Claire der jungen Frau hilft, ihre Ängste zu überwinden, zeigt diese ihr einen Weg aus übermäßiger Kontrolle und Erstarrung. Die innere Verbindung der Frauen führt zu einer körperlichen Sinnlichkeit, die die Männer am Ende ausschließt - zumindest für einige Zeit.
Der Roman erhält seine Spannung nicht durch die Handlung, sondern indem er die seelischen Zustände der beiden Frauen beschreibt, ihre Suche nach ihrer wahren Identität. Eine Rolle spielt dabei auch die beeindruckende Kulisse der Bretagne, vor allem das Meer.
Nina George schreibt literarisch, poetisch, mit vielen Metaphern. Das ist oft schön, erscheint mir manchmal jedoch bemüht. Diese Ambivalenz empfinde ich auch in Bezug auf den gesamten Roman: Ich habe ihn gerne gelesen und kann die Sehnsucht der Protagonistinnen nach einem freien, authentischem Frauen-Leben durchaus nachvollziehen. Gleichzeitig erscheint mir ihr Problem luxuriös und spezifisch für die Gesellschaftsschicht, der Claire als erfolgreiche Professorin angehört. Trotz dieser (meiner persönlichen) Einschränkung lohnt sich die Lektüre.   

Dienstag, 12. Juni 2018

Gib mir Energie!

Joseph Cardillo: Energie für jede Lebenslage. Wacher, entspannter und durchsetzungsfähiger werden. 274 Seiten. 19.99 €. Scorpio Verlag
Mein persönlicher Energiespender ist morgens erst mal eine Tasse Kaffee. Aber die trägt nicht durch den Tag. So war ich neugierig darauf, welche Tipps der Autor gibt. Joseph Cardillo, ganzheitlicher Psychologe und Meister verschiedener Kampfkünste, hat einen neuen Blick auf die Bedeutung von Energie. Sie ist mehr als nur ein Grad der Wachheit , sie ist die tragende Kraft im Universum. In 12 Kapiteln befasst er sich damit, wie wir diese Lebenskraft ganz konkret erhöhen und für verschiedene Probleme nutzen können. Etwa um Stress oder Aggression abzubauen, die Stimmung zu haben, Konflikte zu lösen, das Gedächtnis zu verbessern und den Körper zu stärken. Die Chancen, das jeweilige Ziel zu erreichen, stehen umso besser, je genauer wir unsere Energie auf den Anlass abstimmen. Angenehm sachlich, gut verständlich und mit passenden Übungen erfährt man, wie sich Energie im Alltag nutzen lässt. Achtsamkeit, Meditation, Musik und Kunstwerke sind dabei meist die Mittel der Wahl. Darüber hinaus wird deutlich, wie sehr Energie tatsächlich unser Leben bestimmt.
Ein kluges, hilfreiches Buch, das man natürlich auch bei einer Tasse Kaffee lesen kann.        

Donnerstag, 7. Juni 2018

Feldforschung


Lynn McTaggart: Das Nullpunkt-Feld. Auf der Suche nach der kosmischen Ur-Energie. 330 Seiten. 9,95 €. Goldmann 
Kann es sein, dass es so etwas wie ein feinstoffliches Feld gibt, dass die unbelebte Materie und die belebte Schöpfung durchdringt? Ist es möglich, dass alles energetisch miteinander verbunden ist? Gibt es damit eine Erklärung für Phänomene wie Hellsehen, Telepathie, Geistheilung und Synchronizität? 
Sich mit solchen Fragen zu befassen, war lange Zeit Esoterikern vorbehalten, von der seriösen Wissenschaft wurde es als Fantasie abgetan. Mit den Ergebnissen der Quantenforschung wird das traditionelle Bild  allerdings erschüttert.
Die englische Wissenschaftsjournalistin Lynn McTaggart hat in 8jähriger Recherche PhysikerInnen, BiologInnen, NeurowissenschaftlerInnen und BewusstseinsforscherInnen befragt und dabei zahlreiche streng wissenschaftliche Experimente zusammengetragen. Die signifikante  Ergebnisse zeigen den Ansatz zu einer neuen Weltsicht. Offenbar kündigt sich ein tiefgreifender Paradigmenwechsel an, der das etablierte Weltbild von Newton und Darwin erschüttert.
McTaggarts versteht sich als Berichterstatterin dieser neuen Erkenntnisse. Als Journalistin gelingt es ihr, auch komplizierte Zusammenhänge für Laien verständlich zu machen. Die ausführliche Beschreibung der zahlreichen Experimente erfordert beim Lesen Geduld – man kann allerdings auch einiges überspringen. Insgesamt ist die Lektüre trotzdem anregend, weil sie auf eine völlig neue Sichtweise unserer Schöpfung aufmerksam macht. Wen das Thema interessiert, dem kann ich dieses Buch nur empfehlen.     

Sonntag, 3. Juni 2018

Heute in einem Jahr...

Alexandra Reinwarth: Das Leben ist zu kurz für später. Stell dir vor, du hast nur noch ein Jahr – ein Selbstversuch, der dein Leben verbessern wird. 231 Seiten. 16,99 €. MVG Verlag

Was würden Sie tun, wenn Sie genau wüssten, dass Ihr Leben in einem Jahr definitiv zu Ende ist? Spontan denkt man vielleicht: „Ich kündige sofort meinen Job“ oder: „Ich mache eine Weltreise“ oder „Ich gebe meine gesamten Ersparnisse für Luxus aus.“ Das Ergebnis von Alexandra Reinwarths Ein-Jahres-Experiment ist sanfter und realistischer, aber trotzdem wirkungsvoll. Für sie führt diese Fantasievorstellung dazu, dass sie erkennt, was ihr wirklich wichtig ist. Zum Beispiel den Menschen, die sie liebt, eine Freude zu machen. Trotz einer guten Partnerschaft allein mit ihrem vierjährigen Kind zu leben. Sich ihren Traum von einer kleinen Bed-and-Breakfast-Pension zu erfüllen. Insgesamt läuft es darauf hinaus: Weniger Angst zu haben, offen zu sein, sich verletzlich zu zeigen  und mehr auf sein Herz zu hören.
Alexandra Reinwart beschreibt ihren Selbstversich sehr persönlich und bezieht dabei ihren Partner und ihre engsten Freundinnen und Freunde mitsamt deren Eigenheiten ein. Das liest sich leicht, zumal sie humorvoll und witzig schreibt.
Ich habe das Buch mit Vergnügen in einem Zug ausgelesen. Entsprechend dem Alter und Umfeld der Autorin ist es zwar eher eine Lektüre für Leserinnen 30+, aber es ist durchaus auch für ältere anregend. Das Experiment kann schließlich jede(r) machen. Und je weniger Jahre noch zu erwarten sind, desto wichtiger ist es.


Kleiner Nachtrag: Dazu gibt es jetzt auch ein illustriertes Büchlein als Arbeitsanleitung:  Unfuck your Life.52 Aufgaben, um endlich im Jetzt anzukommen. 112 Seiten.  9,99 €
Es ist  in 52 Wochen aufgeteilt. Jede enthält eine Aufgabe, die zunächst als Frage zur Selbsterkenntnis gestellt wird. Z.B. "Wollten Sie schon mal jemanden ansprechen und haben es nicht getan?". Die Aufgaben nehmen auf praktische Art die Erkenntnisse der Autorin auf und formulieren sie als persönliche Handlungsimpulse.   

Freitag, 25. Mai 2018

Schreib doch mal!


Tatijana Milovic: Rewrite your life. Schreibend sich selbst entdecken. 237 Seiten. 14.-€. Kailash 
Meine Lieblingsübung ist diese: Man nimmt ein Bonbon in den Mund. Dabei stellt man sich vor, es handele sich um eine Wunderpille. Die deaktiviert das Gehirnareal, in dem Gedanken des Scheiterns produziert werden und führt dazu, dass wir nie mehr versagen. Und nun sollen wir den Beipackzettel zu dieser innovativen Droge schreiben: Welche Folgen hat es, sich nie mehr als Loser zu fühlen? Wird das Leben dann bereichert oder eher eingeschränkt?
Tatijana Milovic, Redakteurin, Coach und Poetry-Slammerin, hat in ihrem Buch viele solcher fantasievollen Übungen zusammengestellt. Wer sich darauf einlässt, erfährt, dass Schreiben viel mehr ist als nur ein kreativer Ausdruck oder ein entlastendes Ventil. Es ist ein wirksames Werkzeug, um sich mit dem eigenen Selbstbild auseinander zusetzen.
Das Buch besteht aus zwei Teilen: Im ersten werden grundlegende Schreibstile wie Kurzgeschichte, Autobiografie oder Drama erläutert. Der zweite enthält eine „Reise in die Vergangenheit“, eine „Reise in die Gegenwart“ und eine „Reise in die Zukunft“. Auf diesen „Reisen“ gibt es dank zahlreicher Vorschläge spielerische und lustvoll eine Menge über sich zu entdecken. Zum Beispiel: Die wichtigsten Personen im eigenen Leben schriftlich zu porträtieren, ein Präventionsprogram über emotionale Viren zu entwerfen oder einen persönlichen Glücksbaum zu beschreiben.
Ein anregendes, charmantes Buch. Wer gerne schreibt, wird auf kreative Weise dazu gebracht, mehr über sich selbst zu erfahren, als mit bloßem Nachdenken möglich wäre. 
  
 

Mittwoch, 16. Mai 2018

All the lonely people

Manfred Spitzer: Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit. Schmerzhaft. Ansteckend. Tödlich. 242 Seiten plus 65 Seiten Quellennachweis. 19,99 €. Droemer.

Seit einiger Zeit ist das Thema Einsamkeit in den Medien aktuell. Nun hat es auch der bekannte Psychiater Manfred Spitzer aufgenommen. Sein Buch habe ich aus besonderem Interesse gelesen: Mit meinem Ratgeber „Einsam. Vom mutigen Umgang mit einem schmerzhaften Gefühl“ habe ich schon vor vielen Jahren begonnen, das Tabu Einsamkeit anzusprechen. Doch während ich als Psychologin konkrete Möglichkeiten aufzeige, wie man diesen Zustand beendet, hat Spitzer einen anderen Ansatz. Er hat wissenschaftliche Untersuchungen zusammengetragen, die er erläutert. Dazu erklärt er im Vorwort: „Im vorliegenden Fall wird dem Leser das aufwendige Studium einiger Hundert wissenschaftlicher Arbeiten erspart. Das sich daran anschließende Nachdenken über die jeweils eigene konkrete Situation – was genau jetzt und hier zu tun ist – kann das Buch nicht ersetzen.“
Der Autor unterteilt sein Werk in 10 Kapitel: 1. Megatrend und Krankheit. 2. Einsamkeit tut weh. 3. Soziale Ansteckung. 4. Einsamkeit löst Stress aus. 5. Online (gem)einsam. 6. Einsamkeit als Krankheitsrisiko. 7. Todesursache Nr. 1. 8. „Du machst mich krank!“. 9. Was tun? 10. Einsamkeit suchen. Jedes enthält eine Anzahl Studien, überwiegend aus den USA.
Die wissenschaftlichen Ergebnisse wirken schockierend. Das ist einerseits heilsam, denn es führt unserer Gesellschaft vor Augen, welche dramatischen Folgen Einsamkeit hat. Spitzers großes Verdienst ist es, das seriös zu belegen und auf diese Weise wachzurütteln. Auf Betroffene dürfte die Lektüre allerdings eher einen deprimierenden Effekt haben. Als ob uns ein Arzt mitteilt: Sie haben einen tödlichen Tumor, aber um die Behandlung müssen Sie sich selbst kümmern. Hier bietet der Autor auf wenigen Seiten als Strategie nur „Geben“, „Helfen“ und „Natur“ an. Aber wie er selbst sagt, ist die Abhilfe ja auch nicht sein Thema. Einsamen LeserInnen möchte ich deshalb ergänzend mein Buch empfehlen. Nicht als Eigenwerbung, sondern aus Fürsorge.

Sonntag, 13. Mai 2018

Fortsetzung folgt

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore Teil 2 - Eine Metapher wandelt sich. 489 Seiten, 26.-€. Dumont

Den ersten Band habe ich begeistert besprochen, nachzulesen unter: http://wlodarek-rezensionen.blogspot.de/2018/04/magische-welt.html
Auch in diesem zweiten Teil findet sich die Verbindung von Realität und surrealen Ereignissen, die Murakami so virtuos beherrscht. Sein Protagonist durchbricht mal wieder Zeit und Raum. Auf der Suche nach dem Mädchen Marie, dass er porträtiert hat und das plötzlich verschwunden ist, landet er in unterirdischen Landschaften. Marie hat sich währenddessen in das Haus des reichen Herrn Menshiki geschlichen und sich dort mehrere Tage versteckt. Am Ende treffen sich Maler und Modell wieder in der Gegenwart.
Murakamis Sprache ist wie immer von eigenem Reiz, die Bilder der surrealen Unterwelt sind großartig. Man fühlt sich beim Lesen wie Alice im Wunderland. Aber – und das sage ich als Murakami-Fan nur äußerst ungern: Die Geschichte ist nicht besonders spannend. Trotzdem: Wer A sagt, muss auch B sagen. Wer den ersten Teil gelesen hat, mag den zweiten nicht verpassen.

Freitag, 4. Mai 2018

Einfluss nehmen

Marie Luise Ritter: Follow me! Machen, was man liebt und damit Geld verdienen – so wird man Influencer. 240 Seiten. 16,99 €. Redline Verlag

In den guten alten Zeiten vor der Digitalisierung sprach man von „Meinungsmachern“. Heute heißt es schicker „Influencer“ und betrifft außerdem einen neuen Berufszweig. Dazu gehören vor allem Mode- und Life-Style-Blogger. Manche von ihnen haben Tausende Follower, die sich gerne ihrem Lebensstil, ihrer Meinung und ihrem Rat anschließen. Weil zumindest die Stars der Szene außer Anerkennung mit Produktwerbung viel Geld verdienen, avanciert der Beruf zum Traum vieler junger Frauen (und Männer).
Marie Luise Ritter, Journalistin und erfolgreiche Bloggerin, beschreibt in ihrem Ratgeber das Berufsbildes des Influencers mit allen Facetten. Das Buch ist unterteilt in die Kapitel: Social Media. Beruf Influencer. Erfolgsfaktor Bloggen. Instagram. Kooperationen. Community-Management. Authentizität. Marke. Selbständigkeit. Tipps und Tricks für Erfolgreiches Influencer-Marketing.
Präzise und verständlich gibt die Autorin praktische Ratschläge aus ihrer reichen Erfahrung. Dabei fällt angenehm auf, dass sie nicht nur professionell, sondern auch verantwortungsbewusst ist. Sie macht sich Gedanken über ihre Wirkung, faire Kennzeichnung von Werbung und guten Umgang mit ihren Fans.
Ein unverzichtbares Handbuch für alle, die mit dem Influencer-Job liebäugeln. Aber auch LeserInnen, die sich über einen Trend informieren möchten, werden es spannend finden - zumal sich manches auch auf die non-digitale Selbstdarstellung übertragen lässt.  

Samstag, 28. April 2018

Woanders ist das Gras immer grüner

Verena Carl: Die Lichter unter uns. 317 Seiten. 20.- €. S.Fischer
Anna und Jo machen mit ihren Kindern Urlaub in Taormina auf Siziilien.Es handelt sich um eine ganz normale Familie. Die 10jährigen Judith und der 6jährigen Bruno nehmen ihre Eltern mit kindlichem Egoismus voll in Anspruch, die Eltern sind eher ein eingespieltes Team als ein Liebespaar, das Ferienbudget ist knapp. Vor Jahren haben Anna und Jo auf der Insel ihre Flitterwochen verbracht, damals allerdings luxuriös in der „Villa Mare“.
Am Strand trifft Anna zufällig auf die Reichen und Schönen: Alexander, Mitte 50, seine junge Geliebte Zoe und sein erwachsener Sohn Florian scheinen ein sorgloses, glamouröses Leben zu führen. Doch Anna sieht nur den schönen Schein. Tatsächlich ist Alexander krank und Zoe betrügt ihn mit Florian. Annas projiziert ihre Sehnsucht nach einem anderen Leben auf Alexander, den sie über ihre Kinder auch tatsächlich kennenlernt. Erst als ihre Tochter Judith in Lebensgefahr gerät, erkennt Anna, was ihr ihre Familie bedeutet. Und Alexander, der in die Rettung Judiths involviert ist, muss sich der Wahrheit über sich und seine Familienverhältnisse stellen.
Mit einer literarischen Sprache, die Bilder im Kopf entstehen lässt, beschreibt Verena Carl das Verhalten der Personen, ihre Gefühle, Träume und Lebenslügen. Ein vielschichtiger, psychologisch spannender Roman, dem ich ganz viele Leserinnen und Leser wünsche.

Dienstag, 24. April 2018

Liebenswerter Lebenslauf

Heike Pfaller, Valerio Vidali: Hundert. Was du im Leben lernen wirst. 100 Seiten, 20.- €
Ich muss gestehen, bevor ich das Buch aufschlug, war ich etwas skeptisch: Eine Einteilung, was man als Mensch Jahr für Jahr lernt? Das würde bei mir bestimmt nicht greifen. Schließlich habe ich schon häufig festgestellt, dass ich nicht in ein festes Zeitschema passe.  Aber meine Sorge, es handele sich um eine strikte Tabelle von der Wiege bis zur Bahre war unbegründet. Heike Fallers Buch hat einen viel charmanteren und liebenswerteren Ansatz: Sie hat viele Menschen unterschiedlichen Alters und Nationalität befragt, was sie in bestimmten Phasen ihres Lebens erfahren haben. Das hat sie dann auf jeweils einen Kernsatz pro Jahr verdichtet. Es beginnt mit der Geburt: "0 - Du lächelst, zum ersten Mal in deinem Leben. Und die Anderen lächeln zurück", und endet mit „99 - Hast Du Irgendwas im Leben gelernt?". Valerio Vidali hat die Lebenserfahrungen auf jeder Seite kongenial und fantasievoll illustriert. Herausgekommen ist ein zauberhaftes Buch, humorvoll und berührend.
Ein wunderbares Geschenk für Freunde und eine Inspiration, einmal über die eigene Entwicklung nachzudenken..