Freitag, 19. Oktober 2018

Fürchtet euch

Bob Woodward: Furcht. Trump im Weissen Haus. 520 Seiten. 22,95 €

Heute morgen am Frühstückstisch: "Hast du eigentlich das Buch über Trump ausgelesen?" "Ja". "Und, neue Erkenntnisse?" "Ja - es ist alles noch viel schlimmer."
Bob Woodword hat seit Watergate einen hervorragenden Ruf als Enthüllungsjournalist. So darf man erwarten, dass sein Buch über Donald Trump der Wahrheit entspricht. Und die ist verstörend: An der Spitze einer Weltmacht steht ein Präsident, der weder von Diplomatie noch von globalen wirtschaftlichen Zusammenhängen Ahnung hat, der emotional reagiert und unkontrolliert Entscheidungen fällt. Nicht alles davon ist neu, schließlich waren und sind Trumps Kapriolen immer wieder Thema in den Medien. Aber hier werden sie ausführlich und präzise belegt, beginnend mit dem Wahlkampf. Wir erfahren, dass alles noch viel schlimmer ist. Das Team um den Präsidenten besteht aus Jasagern, die sich gegen besseres Wissen sein Wohlwollen erhalten möchten und Amateuren aus dem Familienclan. Daneben gibt es eine Gruppe mutiger Mitarbeiter, die versuchen, das Äußerste zu verhindern. Heimlich lassen sie Unterlagen von Trumps Schreibtisch verschwinden, in der Hoffnung, dass er vergisst, dass er sie unterschreiben wollte.
Ein politisches Desaster, akribisch zusammengetragen auf 520 Seiten, belegt mit 38 Seiten Quellenangaben – wobei natürlich einige aus gutem Grund nicht preisgegeben werden. Tatsächlich liest sich das Buch wie ein Protokoll. Woodword schreibt sehr sachlich und verzichtet auf persönliche Kommentare. Dass es sich trotzdem spannend liest, liegt auch an der häufig angewandten wörtlichen Rede. Sie gibt einem das Gefühl, dabei gewesen zu sein. Wer sich über die Vorgänge im Weißen Haus gründlich informieren möchte, hat mit diesem Buch eine verlässliche Lektüre. Wenn es sich nicht um erschreckende Fakten handelte, würde ich sie sogar unterhaltsam nennen,

Dienstag, 16. Oktober 2018

Eintauchen

Jennifer Egan: Manhattan Beach. 490 Seiten. 22.- € .S.Fischer

New York während des Zweiten Weltkriegs. Die junge Anna Kerrigan arbeitet wie viele andere Frauen in einer Kriegsfabrik der Marinewerft, um ihre Familie durchzubringen. Ihr Vater Eddie ist verschwunden, die Mutter muss sich um die Pflege der schwerstbehinderten Schwester Lydia kümmern. Zwei einschneidende Erlebnisse verändern Annas Leben: Nachdem sie eines Tages Taucher bei einem Übungsgang beobachtet hat, setzt sie mutig und zielstrebig alles daran, Marinetaucherin zu werden und unter Wasser Schiffe zu reparieren. Und sie begegnet Dexter Styles, Nachtclubbesitzer und Syndikatsmitglied, der seinen Reichtum überwiegend illegalen Geschäften verdankt. Für ihn hat ihr Vater vor seinem Verschwinden gearbeitet.
Jennifer Egan, Trägerin des Pulitzer-Preises, hat einen Roman geschrieben, in den man im wahrsten Sinne des Wortes völlig eintaucht. Sie verwebt mehrere Erzählstränge miteinander und zeichnet damit ein Bild der Zeit und des New York der 40er Jahre. Liebe, Verbrechen, Familienprobleme  und Schicksal – alles dabei. Wer große Geschichten mag, wird von dem Buch fasziniert sein.

Samstag, 13. Oktober 2018

Berliner Nächte

Detlef Bluhm: Berlin im Glanz der Nacht. Berlin after dusk. 208 Seiten. 200 farbige Abbildungen. 24,5 cm. 28.- €. be.bra.verlag

Kürzlich war ich nachts ganz allein in Berlin unterwegs. Es war faszinierend. In der Dunkelheit zeigt sich die Stadt ganz anders als am lebhaften Tag – geheimnisvoll, einsam, leuchtend. Zu später Stunde entfalten menschenleere Orte einen besonderen Zauber. Die Sehenswürdigkeiten, Straßen und Plätze, Parks, Bürogebäude, Kneipen, Supermärkte, Hotels, Läden, Museen und Bahnhöfe scheinen ein Eigenleben zu führen, sie erzählen eine Geschichte.
Nun ja, zugegeben, ich habe unsere Hauptstadt nicht wirklich nächtens durchstreift, das wäre mir doch etwas zu riskant. Aber mit dem Bildband von Detlef Bluhm ist es so, als wäre man tatsächlich auf einer nächtlichen Entdeckungsreise durch Berlin. Bei so manchem Foto bekommt man Lust, sich die Lokalität auch bei Tage anzusehen, etwa das Ballhaus in Mitte oder den Botanischen Garten in Zehlendorf . Aber ich bezweifle, dass man dabei die Magie entdeckt, die Detlef Bluhm mit seinen nächtlichen Fotos eingefangen hat. Sein Blick für die Besonderheit lehrt sehen und führt dazu, dass man vermeintlich Bekanntes völlig neu entdeckt. Dabei erinnert mich die Präzision und der Realismus der Aufnahmen häufig an Gemälde von Edward Hopper.
Ein fantastisches Buch, das man immer wieder anschauen möchte, ein Geschenk für jeden Berlinfan.

Samstag, 29. September 2018

Inseltraum

Regina Stahl, Fotos Brita Sönnichsen: Zu Gast auf Sylt. Sehnsuchtsorte, Originalrezepte und Geheimtipps. 205 Seiten.39,95 €. Callwey Verlag

Das ist mir noch nie passiert: Schon beim Durchblättern des Bildbandes lief mir das Wasser im Mund zusammen. Ob überbackene Austern, Gambas auf Sauerkraut, Gemüse-Carpaccio auf Räucherlachstatar – die Fotografin Brita Sönnichsen hat die Speisen extrem lecker fotografiert, je zwei pro Lokal. Außerdem gibt es zu jedem Bild auch das passende Rezept für die Hobbyköchin oder ihr männliches Pendant. Schon allein  als Kochbuch für Spezialitäten wäre das Buch ein Genuss, doch es bietet noch weitaus  mehr. Es ist ein kulinarischer Guide über die gesamte Insel. Die Einteilung lautet: Lust auf List. Dorfschönheit Kampen. Insel-Metropole Westerland. Kuschelfaktor Keitum. Einen Ausflug wert: Tinnum. Ab in den Süden: Rantum & Hörnum. Die Autorin Regina Stahl beschreibt auf je einer Seite die besten Lokale vor Ort. Dazu erfährt man Persönliches über die Betreiber und die Historie der Lokalität. Natürlich sind Touristen-Lieblingsorte wie die Sansibar, das legendäre Gogärtchen oder die Kupferkanne dabei, aber auch so manches, was gelegentliche Syltbesucher vermutlich noch nicht kennen. Ich habe mir jedenfalls Dittmeyer´s Austerncompagnie in List notiert. Und weil zu jedem Lokal auch die Öffnungszeiten genannt sind, würde ich hier wie auch anderswo nicht vor verschlossener Türe stehen. Außerdem gibt es zu jeder Inselregion noch eine Seite mit kleinen Geheimtipps, wie zum Beispiel das man bei R & F in Tinnum einen Strandkorb für den heimischen Garten bestellen kann.
Ein bis ins Detail wunderschön gemachtes Buch. (Erst ganz zum Schluss habe ich übrigens entdeckt, dass auf der ersten Seite sogar Sylter Sand klebt). Der Bildband ist ein Leckerbissen im wahrsten Sinne des Wortes für Syltliebhaberinnen und solche, die es werden wollen. Und auch ohne das ein großartiges Geschenk für einen selbst und Menschen, die man mag..   

Dienstag, 25. September 2018

Lass los!

Mooji: Weiter als Himmel, größer als Raum. Das Buch der inneren Befreiung. 308 Seiten. 19,99 €. O.W.Barth Verlag

Mooji, ursprünglich Anthony Paul Moo-Young, wurde 1954 in Jamaika geboren und wuchs in London auf. Er arbeitete dort als Kunstlehrer, bis er auf einer Indienreise seinen Guru Sri H.W.L Poonja traf. Die Begegnung veränderte ihn zutiefst. Heute ist Mooji selbst ein bekannter  spiritueller Meister. In seinen Satsangs (Zusammenkünfte zur Belehrung) regt er seine Zuhörer beständig dazu an, die Frage nach ihrer eigentlichen Natur zu stellen. seine Botschaft: Unser unvergängliches Selbst ist bereits in uns. Es ist nur überlagert von unserer persönlichen und kulturellen Konditionierung. Die Wahrheit zu erkennen, bedeutet, dieses Selbst zu erkennen und das übernommene Ich loszulassen.
In „Weiter als Himmel, größer als Raum“ haben seine Anhänger Moojis Lehrreden sinnvoll zusammengestellt. Entstanden ist ein Buch, das eine klare Anleitung zu einem friedlichen und freudevollen Leben gibt. Besonders angesprochen hat mich dabei, dass Mooji nicht Askese predigt. Es geht vielmehr darum, im täglichen Leben die geistige Anhaftung loszulassen und sich nicht mit dem zu identifizieren, was vergänglich ist.
Wer auf der spirituellen Suche ist, findet in diesem Buch Inspiration für tiefere Selbsterkenntnis.    

Donnerstag, 20. September 2018

Gib mir einen Hunderter!

Jonas Jonasson: der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten. 443 Seiten. 20.- € . C.Bertelsmann

Das Buch „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Nun gibt es eine Fortsetzung mit dem inzwischen einhundertjährigen Allan Karlsson. Auch diesmal verquickt sein Schöpfer den schlitzohrigen Alten mit der großen Weltpolitik. Waren es beim ersten Mal Stalin, Mao Tse-tung und Kim Il-sung, denen er ein Schnippchen schlug, so sind es diesmal Kim-Yong-Un, Trump. Putin und Angela Merkel. Die Schauplätze wechseln zwischen Nordkorea, USA, Schweden, Dänemark, Deutschland und Afrika. Es geht um Uran als Grundstoff für eine nordkoreanische Atombombe, das Allan und seinem Freund Julius zufällig in die Hände fällt. Natürlich gibt es auch wieder einen ebenso tumben wie bösartigen Verfolger, diesmal ist es ein Neonazi.
Die gesamten Verwicklungen hier zu beschreiben würde den Rahmen sprengen. Jedenfalls geht alles gut aus. Und dazwischen gibt es viele lustige Szenen. Jonasson hat ein Schreibhändchen für Komik, ich musste häufig leise vor mich hinlachen. Auch die Beschreibung des lebenden politischen Personals ist witzig, kommt aber für meinen Geschmack zu kurz und wirkt deshalb klischeehaft. Davon abgesehen ist dank der überbordenden Fantasie des Autos auch dieses Buch ein Lese-Spaß, der gut von den echten Dramen dieser Welt ablenkt.

Freitag, 14. September 2018

Leselieblinge

Jörg Magenau: Bestseller: Bücher, die wir liebten - und was sie über uns verraten. 22.- € Hoffmann und Campe

Als Autorin von inzwischen 13 Büchern weiß ich so gut wie jeder Verlag: Bestseller kann man nicht machen. Bei meinem Erstling „Mich übersieht keiner mehr. Größere Ausstrahlung gewinnen“ ist es mir tatsächlich einfach passiert. Aber ob nun schreibend oder lesend, man wüsste doch gerne, wie so etwas zustande kommt. 
In diesem Buch unternimmt der Autor und Literaturkritiker Jörg Magenau den Versuch, das Phänomen der vielverkauften Lektüre zu entschlüsseln. Zunächst erfährt man Wissenswertes über die Hintergründe, etwa wie die Berechnung der Verkäufe zustande kommt und was Werbung und Prominenz der AutorInnen bewirken. Der Hauptpart besteht jedoch in einer Reise durch 60 Jahre deutschsprachiger und internationaler Literatur. Dabei vertritt Magenau die These, dass Bestseller häufig Ausdruck eines aktuellen gesellschaftlichen Bedürfnisses sind und oft auch den Zeitgeist widerspiegelnden. Zum Beleg nimmt er sich Bestseller von der „Blechtrommel“ bis zum „Geheimen Leben der Bäume“ vor. Jedem seiner ausgesuchten Werke widmet er eine ausführliche Beschreibung und erläutert, warum es auf die berühmte Liste gekommen ist. Das ist manchmal tiefgründig, manchmal bleibt es etwas oberflächlich in zu viel Inhaltsangabe stecken. Doch insgesamt schärft Magenau den Blick dafür, warum Bücher zum Bestseller werden konnten und was das über uns, ihre LeserInnen, aussagt.
Ein lesenswertes und informatives Buch. Es regt auch dazu an, einmal die eigenen Lieblingsbücher zu betrachten und zu überlegen, was sie über uns verraten.

Montag, 10. September 2018

Kindheit in New Mexico

Milena Moser: Land der Söhne. 415 Seiten. 24.- €. Nagel & Kimche
Milena Mosers persönliche Geschichten wie „Hinter diesen blauen Bergen“ habe ich gerne gelesen. 2015 ist die Schweizer Schriftstellerin nach Santa Fé ausgewandert. In New Mexiko spielt nun auch ihr großer Familienroman.  
Die Geschichte spannt sich über drei Generationen. Protagonisten sind Luigi (Lou), sein Sohn Giovanni (Giò) und dessen Tochter Sofia. Der Roman beginnt mit einer Zugfahrt. Gìo reist mit der zwölfjährigen Sofia zu einem der Orte, an dem er eine besondere Zeit seiner Kindheit verbracht hat. Sein Vater Luigi, ist gestorben und es ist an der Zeit sich der Vergangenheit zu stellen.
Wir erfahren nun abwechselnd die Geschichte von Luigi und Giovanni:In den 1940iger Jahren reist Luigi mit seiner Mutter in die USA. Der Vater will ursprünglich nachkommen, tut es aber nicht. Die Mutter hat bald einen neuen Partner und schiebt Luigi in eine Outdoor School ab, in der er Missbrauch erlebt. Später wird er zu einem einflussreichen Filmproduzenten in Hollywood. Er heiratet Tara. Die Ehe scheitert und sie zieht mit dem gemeinsamen Sohn Giovanni in eine Hippiekommune. Nur an freier Liebe und Selbsterfahrung interessiert kümmert sie sich kaum um ihn. Eines Tages ist sie verschwunden und Giovanni bleibt allein zurück. Als sich die Kommune auflöst, wird er im benachbarten Pueblo abgegeben. Dort lebt er bei der Familie Ortiz, bis ihn sein Vater zwingt, zu ihm zu ziehen. Das Verhältnis der beiden ist angespannt. Schließlich verlässt der homosexuelle Gíovanni seinen Vater. Er wird Filmarchivar, nimmt den Namen Ortiz an und heiratet den Friseur Santiago. Mit ihm zieht er die von einer Freundin geborene gemeinsame Tochter Sofia groß.
Milena Moser entfaltet diese Familiengeschichte einem ruhigen,  beschreibenden Stil. Von daher darf man keinen spannenden Roman im üblichen Sinne erwarten, das Drama liegt vielmehr in den Erfahrungen, die die Protagonisten machen. Ein gutes Buch für geduldige Leser, die bereit sind, sich auf die problematische Kindheiten der „Söhne“ einzulassen.

Donnerstag, 6. September 2018

Freiheit statt Kontrollwahn

Dorothea Assig, Dorothee Echter: Freiheit für Manager. Wie Kontrollwahn den Unternehmenserfolg verhindert. 268 Seiten. 34,95 €, Campus Verlag

„Ambition“, das erste Buch des Autorinnen-Duos, habe ich bereits mit Begeisterung gelesen. Darin geht es um den Quantensprung vom mittleren Management zur "Oberliga". Er gelingt erst wirklich, wenn der Schwerpunkt nicht mehr allein auf der eigenen Leistung liegt, sondern außerdem Know-how für eine gute persönliche Verbindung zu Gleichrangigen anderer Bereiche, die sogenannte „Community-Kompetenz“, entwickelt wird. Treibende Kraft ist dabei die Ambition, (von lat. ambitio, Ehrgeiz) im Sinne eines höheren Strebens. Es geht darum, Ideen zu verwirklichen, für die man brennt, mit denen man die Welt verbessern und bereichern möchte.
Dieses Buch nun ist eine Fortsetzung, aber durchaus eigenständig lesbar. Assig und Echter sprechen darin weniger den einzelnen Manager oder die Managerin an (obwohl das auch nicht zu kurz kommt), sondern hinterfragen das gesamte System. Während ihrer langjährigen Erfahrung als Coaches von Top-ManagerInnen haben sie immer wieder festgestellt, wie sehr übermäßige Kontrolle Entfaltung verhindert. Auf der Basis ihrer Forschung haben sie Tools für ein „Ambition Management“ entwickelt, das ohne Tests, Assessment Centers, Rankings und andere strikte Kontrollmechanismen auskommt. Stattdessen wird den Führungskräften Freiheit zur Entfaltung gewährt. Ein bedeutsamer Schritt ist dabei, die eigene Größe zu erkennen und auszuleben. Die hat nichts mit Überheblichkeit zu tun, sondern ist das Bewusstsein, mit dem eigenen Talent und den individuellen Fähigkeiten viel bewirken zu können.
Das Buch ist ein im wahrsten Sinne des Wortes ambitionierter Leitfaden für das obere Management und es ist sehr zu wünschen, dass möglichst viele Menschen in Führungspositionen seine Botschaft verinnerlichen. Doch auch für LeserInnen in weniger prominenten Arbeitsverhältnissen dürfte es interessant sein, denn die von den Autorinnen entwickelten Werkzeuge inspirieren zum Umdenken in Bezug auf die eigene berufliche Situation.

Donnerstag, 30. August 2018

NICO

Tobias Lehmkuhl: Nico. Biographie eines Rätsels. 271 Seiten. 24.- €. Rowohlt Berlin.

Wer war diese Frau, eine der bekanntesten Ikonen der 60ziger Jahre? 1938 als Christa Päffgen geboren, gibt sie sich den Künstlernamen Nico. Blond, langhaarig, bildschön und irgendwie nicht von dieser Welt arbeitet sie zunächst als Model in Paris. Später versucht sie sich als Filmschauspielerin, etwa in Felllinis „Dolce Vita“. Sie bekommt ein Kind von Alain Delon, das sie vernachlässigt. Ihre Glanzzeit erlebt sie als Muse von Andy Warhol in seiner Factory. Mit der dort entstandenen Band „Velvet Underground“ feiert sie Erfolge. Ihre Liebhaber zählen  zum Who is Who der Rockszene. Als Sängerin findet sie ihren eigenen Stil. Mit ihrer Drogensucht zerstört sie sich schließlich selbst. Nico – ein wildes, selbstbestimmtes Leben in den 60ziger Jahren.
Der Journalist Tobias Lehmkuhl hat die Biographie dieser exzentrischen Frau geschrieben. Kein einfaches Projekt, immerhin hat die Protagonistin gerne falsche Fährten gelegt und haarsträubende Geschichten über sich erfunden. Man spürt, wie intensiv und mühsam sich der Autor durch die widersprüchlichen Zeugnisse ihres Lebens ackern musste. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er dabei auf gefällige, romanhafte  Beschreibungen verzichtet hat. Wo man nichts Genaues weiß, setzt er mutig Fragezeichen. Spannend und gut geschrieben ist die mit einigen  Fotos angereicherte.Dokumentation trotzdem.
Am Ende hat man als LeserIn ein Bild von Nico. Gleichzeitig bleibt es vage und geheimnisvoll Das liegt jedoch an ihrer Persönlichkeit, nicht an ihrem sorgfältigen Chronisten. Wer sich für die Sixties und ihre Idole interessiert, erhält mit diesem Buch ein spannendes, interessantes Porträt.
  

Montag, 27. August 2018

Unglaublich, aber wahr

Hera Lind: Mein Mann, seine Frauen und ich. Roman nach einer wahren Geschichte. 400 Seiten. TB 9,99 €. Diana Verlag

Geschichten, die das Leben schrieb…Hera Lind, ursprünglich Autorin flotter fiktiver Frauenromane, hat sich inzwischen darauf spezialisiert, dramatische Erfahrungen von Frauen romanhaft wiederzugeben. Dass es sich um wahre Erlebnisse handelt, macht den Reiz der Lektüre aus. Als Leserin kann man wohlig erschauernd denken: „Das darf doch nicht wahr sein!“. So wie bei dieser Geschichte:
Nadia, eine geschiedene Frau um die 40 verliebt sich in den smarten Iraker Karim, der einen Aufenthaltsstatus in den Niederlanden hat. Das Problem ist nur: Karim hat bereits eine Frau und zwei Kinder. Doch als Muslim darf er bis zu vier Frauen heiraten. Deshalb ist er auf der Suche nach einer zweiten Frau, die ihm Liebe und Wärme schenkt. Nadia, die eine Vorliebe für alles Orientalische hat, ist ihm von Freunden empfohlen worden. Nur kurze Zeit nach ihrem ersten Treffen hält er um ihre Hand an. Total verliebt stimmt Nadia der Heirat zu. Tatsächlich trägt er sie lange Zeit auf Händen. Sie geht mit ihm in den Oman, wo sie sich als Frau konservativsten islamischen Regeln unterwerfen muss. Als später noch eine dritte und vierte Frau hinzukommt, verlässt Nadia nach mehreren halbherzigen Trennungen ihren Ehemann endgültig und lebt seitdem als Single auf einer kanarischen Insel.
Beim Lesen fragt man sich, was um Himmelswillen die Protagonistin dazu gebracht hat, sich als emanzipierte Frau freiwillig so einem restriktiven Frauenbild anzupassen. Gleichzeitig ist es faszinierend, einmal einen Insiderblick in die konservative islamische Welt zu werfen. Hera Lind hat das sehr respektvoll beschrieben, so dass sich sowohl der Reiz als auch die Problematik erschließen. Ein spannendes Buch und eine gute Urlaubslektüre.  

Dienstag, 21. August 2018

Sei mal still!


Erling Kagge: Stille. Ein Wegweiser. 140 Seiten. 14.- €. Insel Verlag
Was ist Stille? Wo ist sie? Warum ist sie heute wichtiger denn je? Mit diesen drei zentralen Fragen macht sich der norwegische Verleger, Abenteurer und Familienvater Erling Kagge auf die Suche nach dem Wesen der Stille. Nicht ohne Grund trägt das Buch den Untertitel "Ein Wegweiser“: Der Autor will keine Definitionen oder allgemein gültige Antworten geben, sondern dazu anregen, eigenständig über Stille nachzudenken. Philosophisch behandelt er das Thema und untermalt es immer wieder mit eigenen Erlebnissen. Etwa mit Erfahrungen während seiner einsamen Wanderung zum Südpol oder seinem Gang durch die Kanalisation New Yorks. Dabei streift der ebenso gebildete wie weit gereiste Autor auch wie beiläufig japanische Dichtkunst, Musik, wissenschaftliche Experimente und die Aussagen philosophischer Geistesgrößen. Im Rahmen meiner Dissertation über Glücklichsein stieß ich seinerzeit auf den Satz: „Das Glück kann man nicht definieren, man kann es nur umkreisen.“ Das gilt offenbar auch für die Stille. Kagge umkreist sie in kluger, weitläufiger und sehr persönlicher Art. Ergänzt und illustriert wird der Text durch Natur-Fotos und Grafiken.
Wer sich eine persönliche Anregung wünscht, erhält sie mit diesem Buch auf unterhaltsame und leicht lesbare Weise. Eine stringente, eher wissenschaftliche Betrachtung darf man jedoch nicht erwarten - aber darauf hat der Untertitel ja schon hingewiesen.


Donnerstag, 16. August 2018

Nutz das Navi in deinem Kopf !

Allan & Barbara Pease: Wie du kriegst, was du brauchst, wenn du weisst, was du willst. 313 Seiten. 16,99 €. Ullstein extra

„Same same but different“, „Alles ist gleich, aber trotzdem anders“ lautet ein geflügeltes Wort in Thailand. Es fiel mir bei der Lektüre dieses Buches spontan ein: Nichts darin ist wirklich neu. Das Autorenpaar empfiehlt, Ziele aufzuschreiben und sie mit Affirmationen und Visualisierung aufzuladen. Ferner soll man andere Menschen um Hilfe bitten. Soweit, so bekannt. Doch dann kommt der Unterschied, der mich begeistert hat: Grundlage für den Erfolg sind hier keine esoterischen  Wünschelrutengänge, sondern ein Areal in unserem Gehirn, das Retikulare Aktivierungssystem (RAS). Es wirkt wie ein Navigationssystem. Sobald wir es mit konkreten Zielen füttern, setzt es das, was wir wollen, in den Fokus und blendet alles andere aus. Ein bekanntes Beispiel: Wer sich einen roten Porsche kaufen will, sieht plötzlich auf der Straße lauter Autos diesen Typs. Indem das RAS unser Wahrnehmungsfeld bestimmt, zeigt es uns Schritt für Schritt, wo und wie wir finden, was wir suchen. Dass das tatsächlich funktioniert, belegt das Ehepaar Pease mit persönlichen Erfahrungen. Nach dem Motto „Lass dir von niemandem raten, der nicht schon erreicht hat, was du willst“ sind gerade diese Passagen besonders überzeugend. Mit Schulden in Millionenhöhe zu starten und dann Mega-Bestseller zu konzipieren oder trotz vermeintlicher Unfruchtbarkeit noch zwei Kinder zu bekommen – das ist schon beeindruckend.
Ein inspirierendes Buch, das die bekannten Übungen zur Zielsetzung in einem neuen Licht erscheinen lässt und damit anspornt, sie auch anzuwenden.     

Freitag, 10. August 2018

Diese Heirat muss verhindert werden!


Greer Hendricks & Sarah Pekkanen: The Wife between uns. 442 Seiten. 12,99 €. Rowohlt Polaris
Krimis, in denen grausam gemetzelt wird, sind nicht mein Fall. Ich gehöre eher zur Highsmith-Fraktion und goutiere psychologisch raffiniert konstruierte Romane. So einer ist dem Autorinnenduo gelungen:
Vanessa führt als Ehefrau an der Seite von Richard ein Luxusleben. Doch dann verlässt dieser Traummann – gutaussehend, erfolgreich, charmant, fürsorglich - sie für die junge Nellie und will diese  sogar heiraten. Die alkoholsüchtige, psychisch lädierte Vanessa hat nur eines im Kopf: Diese Heirat muss sie auf jeden Fall verhindern.
Abwechselnd werden Vanessas verzweifelte Gefühle nach der Trennung und Nellies ahnungslose Vorbereitungen auf die Hochzeit beschrieben. Darin liegt schon eine Menge Spannung. Eine rachsüchtige Ex – man weiß ja, zu was die fähig ist. Doch dann zeigt sich: Nichts ist, wie es scheint. Ein Vexierspiel beginnt, in dem falsche Fährten gelegt werden. Plötzlich sieht man als LeserIn die Geschichte aus einer völlig anderen Perspektive. Mehr möchte ich aber jetzt nicht verraten, um die Spannung zu erhalten. Nur so viel: Es geht um ein Abhängigkeitsverhältnis, in das drei Frauen verwickelt sind und in dessen Zentrum der „Traumprinz“ Richard steht. 
Der Roman überrascht durch unerwartete Wendungen, die sich erst langsam entfalten und überzeugt mit ausführlichen Schilderungen der Protagonistinnen. Wem Bücher wie „Gone Girl“ oder „Girl On the Train“ gefallen hat, der wird auch dieses Buch mögen. Es ist spannend, überraschend und wirkt vor allem durch seinen psychologischen Ansatz.

Sonntag, 5. August 2018

Stärke zeigen

Frank Rebmann: Der Stärkencode. Die eigenen Talente entschlüsseln und weiterentwickeln. 220 Seiten. 16,95 €. Campus

Der Spruch „Stärken stärken“ ist gewiss jedem geläufig. Also nicht verzweifelt an den Schwächenzu  arbeiten, sondern lieber das eigene Talent, das schon in unseren Genen steckt, zu entfalten. Genau darum geht es in diesem Ratgeber. Doch zunächst müssen die eigenen Stärken ja erst einmal erkannt werden. Dazu bietet Rebmann einen Selbsttest an, der auf zahlreichen Eigenschaften beruht. Die beurteilt man für sich und landet schließlich als Ergebnis auf einer von 5  Dimensionen: Analytische, entdeckende, praktische, kooperative oder stabilisierende Stärke. Im Folgenden geht es dann darum, wie man diese Stärke  ausleben kann. Denn erst dann sind wir wirklich glücklich. Entsprechend nimmt sich der Autor die inneren Saboteure vor, die uns daran hindern, zum Beispiel Verzettelung, Aufschieberitis oder Perfektionismus, und zeigt .Auswege. Mit der Formel „Talent + Training = Stärke + Erfolg“ entlässt er die LeserInnen als AutorInnen ihres eigenen Drehbuches. Sie sind aufgefordert, aus ihrem angeborenen Talent eine Stärke zu machen und diese beruflich einzusetzen. Das Ergebnis ist verlockend: Leichtigkeit, Leidenschaft, Freude und last but not least hervorragende Arbeit..
Wer sich schon mit dem Thema „Talent“ beschäftigt hat, wird zu diesem Thema zwar nichts überraschend Neues finden, wohl aber praktische Hilfestellung, um die eigenen Stärken zu entdecken und sie auch auszuleben.

Montag, 30. Juli 2018

Buddha heilt Liebeskummer

Meshe Laurie: Nach der Trennung kommt das Glück. Mit Buddha Liebeskummer meistern. 254 Seiten. 10.- €. Ullstein

Wer schon mal so richtig Liebeskummer gehabt hat, weiß, wie fürchterlich das ist. Als sich damals mein erster Freund von mir trennte, wäre ich fast von der Brücke gesprungen. Auch in reiferem Alter ist niemand gegen diesen Schmerz immun, der von Selbstzweifeln und zerbrochene Zukunftsträumen verstärkt wird. Als Meshe Laurie nach 19jähriger Ehe von ihrem Mann Adrian verlassen wird, ist sie am Boden zerstört. Er ist ihre große Liebe, ihr Halt, ihr Anker im Leben. Dabei hat sie über Jahre verdrängt, dass sie sich längst als Paar verändert haben, dass sich Routine eingeschlichen hat – und nun ist es aus. Weder die beste Freundin noch eine gute Therapeutin können Meshe wirklich helfen. Was sie heilt, sind die Lehren Buddhas, seine Vier Edlen Wahrheiten und der Edle Achtfache Pfad. Wer sich damit befasst, erkennt etwa, wie sehr Leidenschaften den Geist trüben und dass alles im Leben der Veränderung unterworfen ist. Die buddhistischen Wahrheiten lassen sich auch sehr gut auf Trennungsschmerz anwenden. Mit ihrer Hilfe befreit sich die Autorin Schritt für Schritt. Dabei setzt sie die Lehre zu ihrem eigenen Erleben in Bezug. (Grafisch wird das übersichtlich  jeweils in einem Kasten abgesetzt.)
Eine überzeugende und inspirierende Methode, mit Liebeskummer fertig zu werden. Dank Buddhas Weisheiten muss niemand von der Brücke springen. Stattdessen wächst die eigene Persönlichkeit. Ein empfehlenswertes Buch für alle gebrochenen Herzen. Und auch für ungebrochene sehr lehrreich.

Dienstag, 24. Juli 2018

Wir müssen reden!

Roman Braun: Die Macht der Rhetorik. 309 Seiten. 19,99 €  Redline Verlag

Der Ratgeber fängt schon mal gut an, nämlich mit den „10 Anfängerfehlern“. Die machen keineswegs nur Anfänger, wie ich als Zuhörerin schon mehrfach feststellen durfte. Etwa selbstgefällig von sich zu reden, statt das Publikum in den Mittelpunkt zu stellen, oder negativ zu sprechen, statt zu motivieren. Auch im Weiteren bietet das Buch sowohl EinsteigerInnen als auch erfahrenen RednerInnen einen theoretisch fundierten Leitfaden für Rhetorik in der Praxis. Dabei wird das Thema umfassend behandelt, von der Körpersprache bis zum Umgang mit verbalen Angriffen. Die Grundsätze werden präzise und gut verständlich beschrieben und mit vielen Beispielen, auch von bekannten Persönlichkeiten, illustriert. Mir als Struktur-Fan gefällt der klare Aufbau.  Dazu gehört auch eine kurze Zusammenfassung nach jedem Kapitel. So kann man sich jederzeit auf einen Blick informieren.
Der Schreibstil ist weniger unterhaltsam, sondern ähnelt eher einer Vorlesung, in der umfangreiches Wissen über Rhetorik vermittelt wird.
Man muss das Buch durcharbeiten, um etwas davon zu haben. Aber wer wirklich etwas über Rhetorik lernen und sich verbessern möchte, hat damit ein gelungenes Standardwerk in der Hand.

Donnerstag, 19. Juli 2018

Überflieger

Christian Bischoff: Unbesiegbar. 55 Geheimnisse wie du alle anderen überflügelst. 122 Seiten. 10.- € . Ariston Verlag

Man merkt dem Titel an, dass der Autor ehemals Profi-Basketballer war. Im Leistungssport geht es ja tatsächlich ums Überflügeln. Ob man auch im täglichen (Berufs-)Leben auf Konkurrenz setzen sollte, lasse ich mal dahingestellt. Aber „Geheimnisse“ und „alle anderen überflügeln“ spricht natürlich Neugier und Wünsche an. Der Inhalt ist dann eher handfest. Christian Bischoff, heute als Redner und Seminartrainer unterwegs, hat 55 erprobte Tipps für ein erfolgreiches Leben zusammengestellt und auf jeweils einer Seite erläutert. Etwa: „Denke in Chancen und Möglichkeiten“, „Stelle dir die richtigen Fragen“, „Sag Ja zum Leben.“ „Investiere in dich selbst.“ Die Statements sind nicht neu, regen aber in ihrer Zusammenstellung zum Nachdenken an. Dabei blitzt in den Texten immer wieder der Motivationstrainer durch, der alles für machbar hält. Das muss wohl, wenn man ein großes Publikum aufmuntern will. Aber als Psychologin, die in ihrem Buch „Tango vitale - Krisen und Chancen nutzen“ auch die Unberechenbarkeit des Schicksals beleuchtet hat, bin ich in dem Punkt allerdings skeptisch. Wir haben nicht alles in der Hand. Sieht man von diesem berufsbedingten Optimismus ab, sind die Tipps anwendbar und nützlich. Praktischerweise ist das Buch nicht größer als ein Taschenkalender. So kann man es unterwegs mitnehmen und immer mal die eine oder andere Seite lesen.






Sonntag, 8. Juli 2018

Dem Leid Paroli bieten

Thomas Hohensee: Stärker als das größte Leid. Resilienz aufbauen. In drei Schritten unerschütterlich durchs Leben. 159 Seiten. 16.- € . Nymphenburger
Ich bin ein erklärter Fan der Ratgeber von Thomas Hohensee. Sie haben eine klare, einfache – aber nie simple! – Sprache und vermitteln auch bei schweren Themen einen realistischen Optimismus. Psychologisch-philosophische Grundlage sind die Lehren des Buddhismus und die Rational-emotive Verhaltenstherapie, deren Credo lautet: Wir fühlen und handeln, wie wir denken. Beides eignet sich auch gut, um Leiden gefasst zu begegnen. Dass es kein Leben ohne Leid gibt, wird wohl niemand bezweifeln, wie schon das Sprichwort sagt: „Unter jedem Dach ein Ach“. Der Autor macht drei Fähigkeiten aus, die es braucht, um selbst im Schmerz unerschütterlich zu bleiben: 1. Den Status quo akzeptieren, ohne passiv zu sein. 2. Einen höheren Sinn in dem Geschehen entdecken. 3. Auf das Unvorhersehbare kreativ reagieren und zu improvisieren. Diese drei Schritte werden ausführlich erläutert und mit Beispielen bekannter Persönlichkeiten belegt, etwa Viktor Frankl oder Ruth Westheimer.
Das Buch gibt eine kluge, praktische Anleitung, wie sich das eigene Leid lindern lässt. Um es ein wenig poetisch auszudrücken: Schon beim Lesen wirkt es wie eine sanfte, kühle Hand auf einer fieberheißen Stirn. Aber ich empfehle es nicht nur denjenigen, die gerade Leid erfahren, sondern allen, die lernen wollen, wie man sich vorsorglich dagegen wappnet. Mir jedenfalls hat es einen großen Teil der Angst vor dem Unvermeidlichen genommen.  

Donnerstag, 5. Juli 2018

Das Leben in Kurzform

Markus Mirwald: Der vielleicht größte Schatz. Wesentliches in wenigen Worten. Bd. 1. 50 Seiten. 24.- €.

Ich liebe Aphorismen. Definiert werden sie als „prägnant-geistreiche, in sich geschlossene Sinnsprüche, die eine Erkenntnis, Erfahrung, Lebensweisheit vermitteln.“ Klug und/oder humorvoll regen sie zum Nachdenken an. Eigentlich könnte jeder von uns seine Erfahrungen in solche kurzen Sätze gießen, doch sie zu formulieren ist ähnlich schwer, wie ein Gedicht zu schreiben. Dem österreichischen Autor Markus Mirwald ist das gelungen. In seiner Sammlung von 50 eigenen Aphorismen finden sich etwa diese: „Es bedarf nichts weiter als einer verblüffenden Erkenntnis, um all unsere vorangegangenen Erlebnisse in ein neues Licht zu rücken.“ „Perfektionismus ist die Neigung, durch den Fokus auf Details das Wesentliche aus den Augen zu verlieren.“ Einige Aphorismen sind hintergründig, andere eher schlicht. Aber bei allen fast kann man zustimmend nicken: Ja, genau so ist es.
Der Autor hat das Buch im Selbstverlag herausgebracht. Es ist ansprechend gestaltet, im Querformat mit orange-weißem Hardcover. Auf edlem Papier steht jeder Aphorismus auf einer Seite, jeweils in gut lesbarer Handschrift und in Druckschrift. Ein schönes Geschenk für Freunde und eine Anregung, die eigenen Erfahrungen vielleicht auch einmal in kurze Sätze zu fassen.
Hier ist die Website mit Bestellmöglichkeit
P.S. Falls Sie noch mehr Aphorismen verschiedener Autoren lesen möchten, schauen Sie doch mal auf meinen Aphorismen-Blog:


Samstag, 30. Juni 2018

Wellenreiten

William Finnegan: Barbarentage. 566 Seiten. 18.- €. Suhrkamp

Zwar habe ich noch nie auf einem Board gestanden, doch das hindert mich nicht, mich für alles zu begeistern, was mit Surfen zu tun hat. Etwa für Filme wie „Riding Giant“ und „Step into the Liquid“. Und nun für ein Buch, in dem es vor allem ums Wellenreiten geht.
William Finnegan, geboren 1952, aufgewachsen auf Hawaii, Journalist und Kriegsreporter, surft seit seinem 11 Lebensjahr. In seiner Autobiografie ist von seinem Beruf und seinen Beziehungen weniger die Rede als von den Hot Spots der Surferszene. Seine Leidenschaft führt ihn nach Honolulu, Maui, Australien, Asien, Afrika und Madeira. Er reist von Strand zu Strand, immer auf der Suche nach der idealen Welle. Egal an welcher Stelle man das Buch aufschlägt, es geht ums Surfen, mit sämtlichen Facetten. Seite 178: „Manchmal, vor allem, wenn ein Swell richtig feuerte, brach im Wasser eine Hektik aus, die an Wahnsinn grenzte.“ Seite 310: „Ich deutete das ganze Riff völlig falsch. Anscheinend kam es mir nie in den Sinn, einen Peak weiter unten entlang des Riffs zu suchen, wo mich ein machbarer Takeoff zu einer saubereren, besser laufenden Welle geführt hätte.“ Seite 440: „Meistens surfte er besser als ich, und in Delgada traute er sich ganz allein in ein windgepeitsches Tiefseegebiet jenseits des Point und jagte Monstern nach, von denen ich gar nichts wissen wollte.“ Dabei geht Finnegan ganz selbstverständlich davon aus, dass man weiß, was ein Cleanup-Set, ein Drop oder ein Goofyfoot ist. Zum Glück gibt es hinten ein Glossar der gängigen Begriffe.
Auf über fünfhundert Seiten so großartig über Wellen(reiten) zu schreiben, ist eine Kunst, die an Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ erinnert. Inhaltlich  hat das Buch jedoch kaum   Höhepunkte, vielmehr fließt es, wie das Wasser, wie das Leben. Man muss sich geduldig darauf einlassen, dann ist es faszinierend. Sonst wird man sich langweilen.      

Donnerstag, 21. Juni 2018

Möge die Macht mit dir sein!

Phil Stutz, Barry Michels: The Force. 346 Seiten. 20.- €. Arkana

Die Autoren, beide renommierte Psychotherapeuten, zählen zahlreiche US-Stars zu ihren Patienten. Aber auch die Probleme von weniger prominenten Menschen lösen sie mit ihren unorthodoxen Methoden. Ihr erster Ratgeber „The Tools“ (die deutschen Übersetzungen tragen englische Titel) habe ich mit großem Interesse gelesen. Darin geben sie mit fünf  Fantasieübungen wirkungsvolle Werkzeuge an die Hand, um Ängste und negatives Denken zu besiegen. Ihr neues Buch „The Force“ ist eine Fortsetzung und Erweiterung. Unter der „Force“ verstehen sie die Lebensenergie, die uns drängt, unser Potenzial zu erweitern. Ihr Gegenspieler ist eine geheimnisvolle Kraft, die in uns allen steckt. Sie hindert uns auf perfide Weise daran, uns zu entwickeln. Stutz und Michels bezeichnen sie als „Part X“. Tatsächlich kennt wohl jeder von uns innere Bremsen, die uns davon abhalten, ein erfülltes Leben zu führen, wie etwa Bequemlichkeit, Ängste, mangelnde Disziplin. In diesem Buch gibt es ebenfalls „Tools“. Mit ihnen soll Part X geschwächt werden. Sie heißen „Die Schwarze Sonne“, „Der Wirbel“, „Die Mutter“ und „Der Turm“. Im Gegensatz zum ersten Buch erschließt sich mir nicht, warum gerade diese Bilder gewählt wurden: Warum ist die Sonne schwarz? Wie schluckt die „Mutter“ die bedrückende Masse negativer Gedanken? Aber nun ja, man kann schließlich ausprobieren, ob es wirkt. Genial ist jedenfalls die Benennung von „Part X“, einer modernen Version des Teufels, der in uns gegen das Gute kämpft. Damit hat das Gefühl einen Namen und kann jederzeit identifiziert werden.
Die Grundidee der Therapeuten, mit inneren Bildern gegen mentale und emotionale Beeinträchtigungen vorzugehen, ist faszinierend. Dazu geben sie LeserInnen gutes Werkzeug an die Hand. Ihre Mischung aus Schamanismus, Fantasie und psychologischem Wissen ist beeindruckend und lesenswert.

Sonntag, 17. Juni 2018

Die Freiheit der Frauen

Nina George: Die Schönheit der Nacht. 314 Seiten. 18,99 €. Knaur

Nina George kenne ich noch als Kolumnistin des Hamburger Abendblattes – ohne sie hätte ich nicht gewusst, dass bei Planten und Blomen im Sommer wunderbare Wasserspiele stattfinden. Später habe ich mit Vergnügen ihre bezaubernden Bücher „Die Mondspielerin“ und „Das Lavendelzimmer“ gelesen, mit dem sie international Erfolg hatte. Nun ist ein neuer Roman von ihr erschienen, den ich natürlich gleich lesen musste. Vor allem wo er wieder in der von mir geliebten Bretagne spielt.-
Die Pariser Verhaltensbiologin Claire und ihr Ehemann, der Komponist Gilles, führen scheinbar ein perfektes Leben, zusammen mit ihrem fast erwachsenen Sohn Nicolas. Und doch fehlt dem Paar das Gefühl, wirklich zu leben und nicht nur zu funktionieren. Jeder der beiden versucht, über Seitensprünge wieder ein Gefühl von Leidenschaft zu gewinnen. Ihren Sommerurlaub verbringen Claire und Gilles mit ihrem Sohn und dessen neuer Freundin Julie in ihrem Haus in der Bretagne. Dort kommen sich die beiden Frauen näher. Die kühle, innerlich wie versteinerte Claire und die lebenshungrige, aber ängstliche Julie sind von einander fasziniert. Während die erfahrene Claire der jungen Frau hilft, ihre Ängste zu überwinden, zeigt diese ihr einen Weg aus übermäßiger Kontrolle und Erstarrung. Die innere Verbindung der Frauen führt zu einer körperlichen Sinnlichkeit, die die Männer am Ende ausschließt - zumindest für einige Zeit.
Der Roman erhält seine Spannung nicht durch die Handlung, sondern indem er die seelischen Zustände der beiden Frauen beschreibt, ihre Suche nach ihrer wahren Identität. Eine Rolle spielt dabei auch die beeindruckende Kulisse der Bretagne, vor allem das Meer.
Nina George schreibt literarisch, poetisch, mit vielen Metaphern. Das ist oft schön, erscheint mir manchmal jedoch bemüht. Diese Ambivalenz empfinde ich auch in Bezug auf den gesamten Roman: Ich habe ihn gerne gelesen und kann die Sehnsucht der Protagonistinnen nach einem freien, authentischem Frauen-Leben durchaus nachvollziehen. Gleichzeitig erscheint mir ihr Problem luxuriös und spezifisch für die Gesellschaftsschicht, der Claire als erfolgreiche Professorin angehört. Trotz dieser (meiner persönlichen) Einschränkung lohnt sich die Lektüre.   

Dienstag, 12. Juni 2018

Gib mir Energie!

Joseph Cardillo: Energie für jede Lebenslage. Wacher, entspannter und durchsetzungsfähiger werden. 274 Seiten. 19.99 €. Scorpio Verlag
Mein persönlicher Energiespender ist morgens erst mal eine Tasse Kaffee. Aber die trägt nicht durch den Tag. So war ich neugierig darauf, welche Tipps der Autor gibt. Joseph Cardillo, ganzheitlicher Psychologe und Meister verschiedener Kampfkünste, hat einen neuen Blick auf die Bedeutung von Energie. Sie ist mehr als nur ein Grad der Wachheit , sie ist die tragende Kraft im Universum. In 12 Kapiteln befasst er sich damit, wie wir diese Lebenskraft ganz konkret erhöhen und für verschiedene Probleme nutzen können. Etwa um Stress oder Aggression abzubauen, die Stimmung zu haben, Konflikte zu lösen, das Gedächtnis zu verbessern und den Körper zu stärken. Die Chancen, das jeweilige Ziel zu erreichen, stehen umso besser, je genauer wir unsere Energie auf den Anlass abstimmen. Angenehm sachlich, gut verständlich und mit passenden Übungen erfährt man, wie sich Energie im Alltag nutzen lässt. Achtsamkeit, Meditation, Musik und Kunstwerke sind dabei meist die Mittel der Wahl. Darüber hinaus wird deutlich, wie sehr Energie tatsächlich unser Leben bestimmt.
Ein kluges, hilfreiches Buch, das man natürlich auch bei einer Tasse Kaffee lesen kann.        

Donnerstag, 7. Juni 2018

Feldforschung


Lynn McTaggart: Das Nullpunkt-Feld. Auf der Suche nach der kosmischen Ur-Energie. 330 Seiten. 9,95 €. Goldmann 
Kann es sein, dass es so etwas wie ein feinstoffliches Feld gibt, dass die unbelebte Materie und die belebte Schöpfung durchdringt? Ist es möglich, dass alles energetisch miteinander verbunden ist? Gibt es damit eine Erklärung für Phänomene wie Hellsehen, Telepathie, Geistheilung und Synchronizität? 
Sich mit solchen Fragen zu befassen, war lange Zeit Esoterikern vorbehalten, von der seriösen Wissenschaft wurde es als Fantasie abgetan. Mit den Ergebnissen der Quantenforschung wird das traditionelle Bild  allerdings erschüttert.
Die englische Wissenschaftsjournalistin Lynn McTaggart hat in 8jähriger Recherche PhysikerInnen, BiologInnen, NeurowissenschaftlerInnen und BewusstseinsforscherInnen befragt und dabei zahlreiche streng wissenschaftliche Experimente zusammengetragen. Die signifikante  Ergebnisse zeigen den Ansatz zu einer neuen Weltsicht. Offenbar kündigt sich ein tiefgreifender Paradigmenwechsel an, der das etablierte Weltbild von Newton und Darwin erschüttert.
McTaggarts versteht sich als Berichterstatterin dieser neuen Erkenntnisse. Als Journalistin gelingt es ihr, auch komplizierte Zusammenhänge für Laien verständlich zu machen. Die ausführliche Beschreibung der zahlreichen Experimente erfordert beim Lesen Geduld – man kann allerdings auch einiges überspringen. Insgesamt ist die Lektüre trotzdem anregend, weil sie auf eine völlig neue Sichtweise unserer Schöpfung aufmerksam macht. Wen das Thema interessiert, dem kann ich dieses Buch nur empfehlen.     

Sonntag, 3. Juni 2018

Heute in einem Jahr...

Alexandra Reinwarth: Das Leben ist zu kurz für später. Stell dir vor, du hast nur noch ein Jahr – ein Selbstversuch, der dein Leben verbessern wird. 231 Seiten. 16,99 €. MVG Verlag

Was würden Sie tun, wenn Sie genau wüssten, dass Ihr Leben in einem Jahr definitiv zu Ende ist? Spontan denkt man vielleicht: „Ich kündige sofort meinen Job“ oder: „Ich mache eine Weltreise“ oder „Ich gebe meine gesamten Ersparnisse für Luxus aus.“ Das Ergebnis von Alexandra Reinwarths Ein-Jahres-Experiment ist sanfter und realistischer, aber trotzdem wirkungsvoll. Für sie führt diese Fantasievorstellung dazu, dass sie erkennt, was ihr wirklich wichtig ist. Zum Beispiel den Menschen, die sie liebt, eine Freude zu machen. Trotz einer guten Partnerschaft allein mit ihrem vierjährigen Kind zu leben. Sich ihren Traum von einer kleinen Bed-and-Breakfast-Pension zu erfüllen. Insgesamt läuft es darauf hinaus: Weniger Angst zu haben, offen zu sein, sich verletzlich zu zeigen  und mehr auf sein Herz zu hören.
Alexandra Reinwart beschreibt ihren Selbstversich sehr persönlich und bezieht dabei ihren Partner und ihre engsten Freundinnen und Freunde mitsamt deren Eigenheiten ein. Das liest sich leicht, zumal sie humorvoll und witzig schreibt.
Ich habe das Buch mit Vergnügen in einem Zug ausgelesen. Entsprechend dem Alter und Umfeld der Autorin ist es zwar eher eine Lektüre für Leserinnen 30+, aber es ist durchaus auch für ältere anregend. Das Experiment kann schließlich jede(r) machen. Und je weniger Jahre noch zu erwarten sind, desto wichtiger ist es.


Kleiner Nachtrag: Dazu gibt es jetzt auch ein illustriertes Büchlein als Arbeitsanleitung:  Unfuck your Life.52 Aufgaben, um endlich im Jetzt anzukommen. 112 Seiten.  9,99 €
Es ist  in 52 Wochen aufgeteilt. Jede enthält eine Aufgabe, die zunächst als Frage zur Selbsterkenntnis gestellt wird. Z.B. "Wollten Sie schon mal jemanden ansprechen und haben es nicht getan?". Die Aufgaben nehmen auf praktische Art die Erkenntnisse der Autorin auf und formulieren sie als persönliche Handlungsimpulse.