Mittwoch, 15. März 2017

Leichter leben



Sháá Wasmund: Do less, get more. Warum weniger mehr ist. 240 Seiten. DTV . 16,90 €
Bekenntnis einer Multitasking-Queen: Die Autorin war selbst jahrelang in einer Zwangsjacke der Betriebsamkeit gefangen. Das ist eine gute Voraussetzung, um nach der Befreiung Leidensgenossinnen und –genossen konkrete Ratschläge zu geben, wie man es besser machen kann. 
Am Anfang steht immer die Bestandsaufnahme. Dazu gibt es Checklisten, etwa „Womit verbringen Sie Ihre Zeit?“ oder „Würdigen Sie Ihre Stärken?“ Das verhilft zur Selbsterkenntnis: Was ist mir wichtig? Wo kann ich kürzertreten? Darauf folgen dann Ausdeutungen und Tipps, zum Beispiel wie man filtert oder fokussiert. Wasmut erfindet nicht das Rad neu, die Vorschläge hat man gewiss schon mal anderswo gelesen. Aber hier sind sie in vier Teilen einfach und klar zusammengestellt. Ein großes Plus ist dabei das übersichtliche Layout. 
Auf der Rückseite des Covers heißt es zum Thema persönlicher Zeit- und Glücksgewinn so schön: „Sie müssen Ihr Leben nicht umbauen, es genügt, wenn Sie es bedarfsgerecht renovieren.“ Mit dem praktischen Handwerkszeug in diesem hilfreichen Buch dürfte es gelingen.   

Sonntag, 5. März 2017

Bella Napoli



Elena Ferrante: Meine geniale Freundin. Band 1 der neapolitanischen Saga. 422 Seiten. 22.- €. Suhrkamp
Die Schriftstellerin Elena Greco, 66, erhält einen überraschenden Anruf vom Sohn ihrer besten Freundin Lila. Er teilt ihr mit, dass seine Mutter spurlos verschwunden ist. Elena nimmt das zum Anlass, die Geschichte ihrer Freundschaft aufzuschreiben. Die beginnt Mitte der 1950er Jahre im Rione, einem heruntergekommenen Viertel von Neapel. Armut, strenge Tradition, Gewalt und der Einfluss der Camorra bestimmen den Alltag der Bewohner. Hier begegnen sich die brave, schüchterne Elena und die unangepasste, wilde Lila. Die Mädchen sind bald unzertrennlich. Sie wetteifern darum, wer die Beste in der Schule ist. Was Elena mit Fleiß schafft, gelingt Lila mühelos dank ihrer hohen Intelligenz. Doch während Elena eine weiterführende Schule besuchen darf, muss Lila in der Schusterwerkstatt ihres Vaters mitarbeiten. Die Jugend der beiden ist weiterhin von Zuneigung und Rivalität geprägt. Während Elena den mühsamen Weg der Bildung für sich entdeckt, hat Lila nur die Möglichkeit, sich durch eine Heirat mehr Freiheit zu erkämpfen.
„Meine geniale Freundin“ ist die intensive Geschichte der Kinder- und Jugendfreundschaft zweier Mädchen, die unterschiedlicher kaum sein können. Gleichzeitig ist es eine Zeit- und Milieubeschreibung. Beides verbindet die unter dem Pseudonym „Elena Ferrante“ schreibende Autorin sprachlich eindrucksvoll und bildhaft. Beim Lesen hatte ich Gefühl, „mit dabei“ zu sein. Ein wunderbares Buch, das süchtig macht: Wie geht es mit den beiden weiter? Wir dürfen gespannt sein.   

Sonntag, 26. Februar 2017

Mitfahrgelegenheit



Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Novelle. 224 Seiten. 21.- €. Frankfurter Verlagsanstalt
Ein literarisches Roadmovie für Oldies: Der ehemaliger Verleger Julius Reither, Mitte 60, und die nur wenig jüngere Leonie Palm, früher Besitzerin eines Hutgeschäftes, treffen eines Abends aufeinander. Spontan beschließen sie nach einigen Gläsern Rotwein, sich den Sonnenaufgang am nahe gelegenen Achensee anzuschauen. In Leonies altem Cabrio fahren sie los. Statt jedoch am See zu halten, fahren sie bis Sizilien weiter. Während ihrer langen Fahrt kommen sie sich näher, eine vorsichtige Liebesgeschichte beginnt. Auf Sizilien schließt sich ihnen ein Flüchtlingsmädchen an. An den Herausforderungen, die das mit sich bringt, scheitert die gerade erst entstandene Beziehung.
Die Geschichte hätte kitschig sein können – aber nicht bei Bodo Kirchhoff! Seine Sprache ist eine literarische Delikatesse. Tiefgründig beschreibt er eine späte Liebe, verdrängte Trauer, Missverständnisse und Verletzungen. Mit einigen konstruierten inhaltlichen Wendungen, aber nun ja, das verzeiht man gerne. Das Ende lässt einen etwas melancholisch zurück.
Ein Lesegenuss, für den man Ruhe und Zeit braucht, wie eben für eine lange Fahrt ins Ungewisse.

Samstag, 18. Februar 2017

Liebeserklärung an den Buchhandel



Torsten Woywood: In 60 Buchhandlungen durch Europa.
250 Seiten. 19,95 €. Eden Books
Auf die Idee muss man selbst als Buchliebhaber erst einmal kommen: Den gesamten Jahresurlaub dazu verwenden, die Orte seiner Leidenschaft der Reihe nach zu besuchen. Torsten Woywod, Pressesprecher der Mayerschen Buchhandlung, hat es so gemacht. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln, das Gepäck in einem Trolley verstaut, startete seine Besichtigungstour in der schönsten und originellsten Buchhandlungen im niederländischen Maastrich. Es folgten Großbritannien, Belgien, Frankreich, Spanien, Portugal, Italien, Österreich, Slowakei, Ungarn, Rumänien und Griechenland. In insgesamt sechzig Buchläden war Woywood zu Gast. Er besichtigte jeweils die Lokalität, traf BuchhändlerInnen und erfuhr einiges über die Historie und das Besondere des Ortes.
Das beschreibt Woywood nicht literarisch, wie man es etwa von erfahrenen Reisejournalisten gewohnt ist, vielmehr gibt er einen sachlichen Bericht. Das liest sich ähnlich wie „1000 Places to see  before you die“. Dafür hat man aber das Gefühl, den Autor Schritt für Schritt auf seiner Reise zu begleiten.
Ein anregender „Reiseführer“ für alle, die Buchhandlungen lieben, selbst wenn sie den Trip nur vom Sofa aus machen. Last but not least ist es ein überzeugendes Plädoyer für den Erhalt dieser fabelhaften Buchläden – sorry, Amazon, da kommst du nicht mit.

Montag, 13. Februar 2017

Miau



Detlef Bluhm: Katzen und ihre Frauen. Bilder einer besonderen Freundschaft. 150 Seiten. Insel Verlag.
Es wird mal wieder Zeit für etwas Außergewöhnliches: Hier ist ein Leckerbissen für Katzenfreundinnen und - freunde. Detlef Bluhm hat sich dem Thema „Katze“ schon mehrfach gewidmet, diesmal unter dem Aspekt der Kunst. Mit dem Fokus auf vier Pfoten unternimmt er eine Reise durch die Geschichte der Malerei. 50 Abbildungen von Gemälden belegen die Bedeutung und besondere Freundschaft zwischen Frauen und Katzen. Dem Sujet haben sich immerhin so berühmte Maler wie Rubens, da Vinci, Velasquez, Manet, Renoire, Valloton, gewidmet, aber auch KünstlerInnen der Neuzeit wie Hannah Höch, Frida Kahlo, Balthus und Picasso. Manchmal muss man das Tier auf den Abbildungen erst einmal suchen, dann wiederum steht es groß im Mittelpunkt. Jedes Bild wird vom Autor auf einer Textseite kundig beschrieben, so dass man sich so angeregt und gut informiert wie bei einer Museumführung fühlt.
Auch ohne Katze daheim habe ich diesen speziellen, tierisch guten Streifzug durch die Malerei genossen. Für LeserInnen mit Katze ist das Buch gewiss eine besonders interessante Lektüre und ein schönes Geschenk.