Sonntag, 26. Februar 2017

Mitfahrgelegenheit



Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Novelle. 224 Seiten. 21.- €. Frankfurter Verlagsanstalt
Ein literarisches Roadmovie für Oldies: Der ehemaliger Verleger Julius Reither, Mitte 60, und die nur wenig jüngere Leonie Palm, früher Besitzerin eines Hutgeschäftes, treffen eines Abends aufeinander. Spontan beschließen sie nach einigen Gläsern Rotwein, sich den Sonnenaufgang am nahe gelegenen Achensee anzuschauen. In Leonies altem Cabrio fahren sie los. Statt jedoch am See zu halten, fahren sie bis Sizilien weiter. Während ihrer langen Fahrt kommen sie sich näher, eine vorsichtige Liebesgeschichte beginnt. Auf Sizilien schließt sich ihnen ein Flüchtlingsmädchen an. An den Herausforderungen, die das mit sich bringt, scheitert die gerade erst entstandene Beziehung.
Die Geschichte hätte kitschig sein können – aber nicht bei Bodo Kirchhoff! Seine Sprache ist eine literarische Delikatesse. Tiefgründig beschreibt er eine späte Liebe, verdrängte Trauer, Missverständnisse und Verletzungen. Mit einigen konstruierten inhaltlichen Wendungen, aber nun ja, das verzeiht man gerne. Das Ende lässt einen etwas melancholisch zurück.
Ein Lesegenuss, für den man Ruhe und Zeit braucht, wie eben für eine lange Fahrt ins Ungewisse.

Samstag, 18. Februar 2017

Liebeserklärung an den Buchhandel



Torsten Woywood: In 60 Buchhandlungen durch Europa.
250 Seiten. 19,95 €. Eden Books
Auf die Idee muss man selbst als Buchliebhaber erst einmal kommen: Den gesamten Jahresurlaub dazu verwenden, die Orte seiner Leidenschaft der Reihe nach zu besuchen. Torsten Woywod, Pressesprecher der Mayerschen Buchhandlung, hat es so gemacht. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln, das Gepäck in einem Trolley verstaut, startete seine Besichtigungstour in der schönsten und originellsten Buchhandlungen im niederländischen Maastrich. Es folgten Großbritannien, Belgien, Frankreich, Spanien, Portugal, Italien, Österreich, Slowakei, Ungarn, Rumänien und Griechenland. In insgesamt sechzig Buchläden war Woywood zu Gast. Er besichtigte jeweils die Lokalität, traf BuchhändlerInnen und erfuhr einiges über die Historie und das Besondere des Ortes.
Das beschreibt Woywood nicht literarisch, wie man es etwa von erfahrenen Reisejournalisten gewohnt ist, vielmehr gibt er einen sachlichen Bericht. Das liest sich ähnlich wie „1000 Places to see  before you die“. Dafür hat man aber das Gefühl, den Autor Schritt für Schritt auf seiner Reise zu begleiten.
Ein anregender „Reiseführer“ für alle, die Buchhandlungen lieben, selbst wenn sie den Trip nur vom Sofa aus machen. Last but not least ist es ein überzeugendes Plädoyer für den Erhalt dieser fabelhaften Buchläden – sorry, Amazon, da kommst du nicht mit.

Montag, 13. Februar 2017

Miau



Detlef Bluhm: Katzen und ihre Frauen. Bilder einer besonderen Freundschaft. 150 Seiten. Insel Verlag.
Es wird mal wieder Zeit für etwas Außergewöhnliches: Hier ist ein Leckerbissen für Katzenfreundinnen und - freunde. Detlef Bluhm hat sich dem Thema „Katze“ schon mehrfach gewidmet, diesmal unter dem Aspekt der Kunst. Mit dem Fokus auf vier Pfoten unternimmt er eine Reise durch die Geschichte der Malerei. 50 Abbildungen von Gemälden belegen die Bedeutung und besondere Freundschaft zwischen Frauen und Katzen. Dem Sujet haben sich immerhin so berühmte Maler wie Rubens, da Vinci, Velasquez, Manet, Renoire, Valloton, gewidmet, aber auch KünstlerInnen der Neuzeit wie Hannah Höch, Frida Kahlo, Balthus und Picasso. Manchmal muss man das Tier auf den Abbildungen erst einmal suchen, dann wiederum steht es groß im Mittelpunkt. Jedes Bild wird vom Autor auf einer Textseite kundig beschrieben, so dass man sich so angeregt und gut informiert wie bei einer Museumführung fühlt.
Auch ohne Katze daheim habe ich diesen speziellen, tierisch guten Streifzug durch die Malerei genossen. Für LeserInnen mit Katze ist das Buch gewiss eine besonders interessante Lektüre und ein schönes Geschenk. 

Samstag, 4. Februar 2017

Mal etwas Gesundes



Attila Hildmann: Vegan for fit. Gipfelstürmer. Die 7-Tage-Detox-Diät.
160 Seiten. 104 Fotos. 19,95 €.  Becker Joest Volk Verlag
Ich beginne mit einem Geständnis: Als Nur-Vegetariern gehöre ich nicht wirklich zur Zielgruppe dieses Buches. Und eine Diät, sei sie auch noch so gesund, beschließe ich gewöhnlich nach einer üppigen Mahlzeit, danach bröckelt die Motivation. Doch es gibt auch Berührungspunkte: Die Hoffnung auf positive Veränderung stirbt zuletzt. Und ich habe vegane Freunde, die ich gerne zum Essen einlade.
Ergebnis: Ich habe den ganzen Detox-Teil von Hildmanns Buch zwar interessiert gelesen, aber noch nicht umgesetzt. Trotzdem möchte ich mit meiner Empfehlung dieses Buches nicht länger warten. Es enthält nämlich ausgesprochen leckere Rezepte. Die kann man sich auf der Zunge zergehen lassen: „Haferflocken-Pfannenbrot mit Blaubeeren auf Banane“ „Quinoa-Pizza mit Low-Fat-Hummus und Tomate“ “Mangokuchen mit Beeren-Topping” oder „Salat-Tacos mit Kichererbsen-Chili.“ Zu allen Rezepten finden sich Zutatenlisten und einfache Zubereitungsanweisungen sowie farbige Fotos zum Endergebnis.
Ich habe die Rezepte ausprobiert, mit viel Erfolg - nicht nur bei meinen Veganer-Freunden. Und gesunde Ernährung ist in jedem Fall ein Gewinn.  

Samstag, 28. Januar 2017

Trügerische Idylle



Juli Zeh: Unterleuten. 635 Seiten. 24,99 €. Luchterhand
Ich habe das Buch tatsächlich an einem Wochenende ausgelesen. Und hätte nicht gedacht, dass mich eine Geschichte aus der Brandenburgischen Provinz mit dem Dorf Unterleuten so fesseln würde. Das liegt an der genauen, immer ein wenig spöttischen und trotzdem liebevollen Beschreibung der Romanfiguren: Der alte Kron, ein knorriger Kommunist und sein Gegenspieler Gombrowski, ein Grundbesitzer, der das ganze Dorf beherrscht. Zugezogene Städter, wie die überfürsorgliche Mutter Jule, verheiratet mit dem Vogelschützer Gerhard. Frederic und Linda aus Berlin, er Spieleentwickler, sie Pferdeflüsterin und Powerfrau, die rücksichtslos ihre Interessen durchsetzt. Dazu einige Nebenfiguren wie die Katzenfreundin Hilde und der dubiose Automechaniker Schaller. Juli Zeh beschreibt deren Denkmuster, Gefühle und Verhalten. Verbunden sind die Personen im erbitterten Kampf für und gegen einen Windpark im Dorf, an dessen Planung sich die unterschiedlichen Interessen zeigen. Mit den Konflikten entfaltet sich eine spannende Geschichte um alte Schuld, Unrecht, Untreue, Eifersucht, verpasstes Glück und Illusionen von dörflicher Idylle.
Diese Verflechtung hätte kompliziert werden können, wenn die Autorin nicht einen dramaturgischen Kunstgriff genutzt hätte: Jede Person spricht für sich. Ähnlich wie die Spielfiguren am Münchner Rathaus  erscheint kreisend eine nach der anderen immer wieder im Vordergrund und treibt so die Geschichte aus ihrer Sicht weiter.
Genau beobachtet, mit Humor geschrieben – ein Lesevergnügen. 

Dienstag, 10. Januar 2017

Schmerzhaft



Antoine Leiris: Meinen Hass bekommt Ihr nicht. Blanvalet. 12.-€
Im November 2016 wurden dreißig Menschen im Theater Bataclan in Paris von Terroristen ermordet, darunter auch Hélène, die Frau des Journalisten Antoine Leiris. Zwei Tage später schrieb er einen Brief an die Terroristen, in denen er ihnen mitteilte, dass sie ihr Ziel, mit ihrer grausamen Tat Hass in sein Herz zu säen, nicht erreichen: „Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen….Auf den Hass mit Wut zu antworten würde bedeuten, derselben Ignoranz nachzugehen, die euch zu dem gemacht hat, was ihr seid.“ Er veröffentlichte seine Mitteilung auf Facebook. Millionen Menschen auf der ganzen Welt lasen sie und nahmen Anteil am Schicksal dieses Mannes, der mit seinem 17 Monate alten Sohn Melvil allein zurückgeblieben ist.
Aus dem Facebook-Eintrag ist das Buch entstanden. Darin geht es nicht um den Terroranschlag oder politische Analysen. Vielmehr ist es ein persönliches Erlebnisprotokoll der zwei Wochen nach der Tat, vom Zeitpunkt an, als Leiris von Hélènes Tod erfährt. Mit ihr hat er die Liebe seines Lebens verloren, doch er darf sich seiner Trauer nicht hingeben, denn sein kleiner Sohn braucht ihn. Tägliche Rituale mit Melvil wie Abendessen, Baden und Vorlesen halten Leiris aufrecht. Dabei versucht er, seinen Sohn so gut wie möglich darüber hinwegzutrösten, dass seine Mutter nicht mehr wiederkommt.
Das Buch in Tagebuchform ist Ausdruck des tiefen Schmerzes eines Mannes, der sein Liebstes durch sinnlose Grausamkeit verloren hat und darum kämpft, nicht in seiner Trauer unterzugehen, die Kontrolle über sein Leben und seine emotionale Würde zu behalten. 
In anderen Rezensionen fällt es mir leicht, darauf hinzuweisen, ein Buch sei gut geschrieben. Bei diesem würde das zynisch klingen. Aber tatsächlich beeindruckt es mit seiner schlichten, klaren  Sprache und der präzisen Beschreibung von Gefühlen, Gedanken und äußeren Umständen. Nicht melodramatisch, sondern wahrhaftig. Mich hat es sehr bewegt, zumal sich mir wie wohl jedem die Frage stellt: Wie würde es einem selbst in so einer Situation ergehen? Ich hoffe, dass viele Menschen dieses Buch lesen.