Donnerstag, 18. August 2016

Ein Schlückchen Prosecco



Hermann Scherer: Fokus! Provokative Ideen für Menschen, die was erreichen wollen. 282 Seiten. 19,95 €. Campus Verlag.
Kann man ein Buch gleichzeitig schlecht und gut finden? Man kann:
Obwohl das Buch den Titel „Fokus“ trägt, schreibt der Autor alles andere als fokussiert. Stattdessen hüpft er munter von Thema zu Thema und schert sich kaum um die Kapitelüberschriften, die er sich doch offenbar selbst gesetzt hat. Seine klischeehaften Gedanken, die er gerne als Aphorismen herausstellt, garniert er mit eher irrelevanten persönlichen Erfahrungen wie das dramatische Ohrlochstechen seiner Tochter oder dass er beim Wickeln seines kleinen Sohnes nicht aufgepasst hat. Hinzu kommt, dass er kräftig die Werbetrommel für sich rührt, etwa mit der Schilderung eines New-York-Besuches seiner Coaching-Gruppe. Kurz und gut: Wer logisch denkt, Ansprüche an einen Ratgeber stellt und konkrete Tipps erwartet, für den ist das krudes Zeug. Da nutzt auch die schöne und edle Aufmachung des Buches nichts.
Warum es das Buch trotzdem auf meinen Rezensionsblog geschafft hat, obwohl ich sonst nur über Bücher schreibe, die mich komplett begeistern? Weil Hermann Scherer authentisch ist und offenbar lebt, was er verkündet. Er ist ein Rebell mit der Botschaft: Lebe ein abenteuerliches Leben. Und diese Botschaft schimmert überzeugend durch sein verbales Hin- und-Her. Wer unterhalten sein will und Aufmunterung wie ein Glas Prosecco liebt, wird an dem Buch seinen Spaß haben.

Montag, 15. August 2016

Keine Entschuldigung



Sarah Knight: Not Sorry. Vergeuden Sie Ihr Leben nicht mit Leuten und Dingen, auf die Sie keine Lust haben. 214 Seiten, 14,99 €. Ullstein
Das ist schon magisch: In meiner vorigen Rezension habe ich das Buch „Magic Cleaning“ von Marie Kondo mit Begeisterung besprochen. Nach der Lektüre dachte ich: Eigentlich könnte man den Kopf doch genauso entrümpeln wie ein Bücherregal oder den Kleiderschrank. Und da fällt mir just das Buch von Sarah Knight in die Hände, die in der Einleitung schreibt, dass sie durch Kondos Aufräumtechnik angeregt worden sei.
Der Kern von Sarah Knights Botschaft lautet: Scheren Sie sich nicht darum, was andere Leute denken. Sagen Sie kategorisch Nein und nur Ja, wenn es Ihnen wirklich wichtig ist. Dabei legt sie Wert darauf, dass man trotz aller Ehrlichkeit höflich bleibt und nicht die Gefühle anderer verletzt. Dieses Verhalten variiert sie für verschiedene Situationen und Dinge, etwa Meetings, Fitnessstudios, Essenseinladungen, Erdnussbutter und die Kinder anderer Leute. Dabei bietet sie ihre persönlichen Erfahrungen als Beispiel an.
Das liest sich flott und ist anregend, so dass man Lust kriegt, öfter Nein zu sagen. Was mich allerdings stört, ist die permanente Fäkalsprache. Alle paar Seiten liest man: „Scheiß drauf“, geht einem etwas „am Arschvorbei“ oder soll man kein „Arschloch sein“. Ich gebe zwar zu, dass es in der deutschen Sprache wohl keinen adäquat kurzen und knackigen Ausdruck für „Scheiß drauf“ gibt, aber am Ende fühlt man sich, als litte man unter Diarrhoe. Außerdem fehlt mir als Psychologin ein Kapitel, wie man mit Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen umgeht, denn ganz so simple ist das Neinsagen nun auch wieder nicht. Wer über diese Kritikpunkte hinwegsieht und einfach nur einen Tritt in den Hintern (!) braucht, um sich auf die eigenen Interessen zu besinnen, ist mit „Not Sorry“ gut bedient.

Dienstag, 2. August 2016

Wirklich magisch!



Marie Kondo: Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert. 9.99 €. Rororo
In puncto Besitz habe ich ein heimliches Vorbild: Meine ehemalige Nachbarin, Single, Managerin in einem Konzern, oft unterwegs. Auf einer Stange hingen wenige ausgesuchte Kleidungsstücke, darunter standen einige schöne Schuhe für alle Witterungen. Ein Koffer, eine Aktenmappe und eine Handtasche. Das war´s. Als sie auszog, war der Umzug blitzschnell erledigt. Bei mir dagegen das häusliche Kontrastprogramm mit vollen Bücheregalen und überquellendem Kleiderschrank. Trotz Ratgebern wie „Simplyfy your life“ oder „Fengshui gegen das Gerümpel des Alltags“ brachten gelegentliche Entsorgungsanfälle wenig.
Bis ich jetzt das Buch der Japanerin Marie Kondo gelesen habe. Sie ist eine leidenschaftliche und erfahrene Aufräumerin. Und sie hat einen besonderen Ansatz, der sich von den üblichen praktischen Anleitungen unterscheidet: Man soll jedes Teil in die Hand nehmen und dann alles entsorgen, was einen nicht glücklich macht. Für mich als Glücksexpertin ist das ein ideales Kriterium. Tatsächlich spürt man schnell, ob einem ein Gegenstand wirklich am Herzen liegt oder ob man ihn bisher aus anderen Gründen behalten hat, etwa weil er teuer war oder weil man denkt, man könnte ihn noch mal irgendwann gebrauchen. Genau davon soll man sich trennen. Am Ende ist man nur noch von Dingen umgeben, die einem wirklich etwas bedeuten. Beispiel: Während ich mich bisher von der Menge meiner Bücher erschlagen fühlte (privat: 10 Regale bis unter die Decke!), stehen dort inzwischen nur noch Werke, die ich entweder liebe oder zur Arbeit brauche. 
Der Effekt ist tatsächlich magisch. Man fühlt sich befreit, klar im Kopf und ungeheuer zufrieden. Marie Kondos Buch ist viel mehr als nur eine Anleitung zum Aufräumen. Es ist eine Anleitung zum Glücklichsein.  

Mittwoch, 27. Juli 2016

Küchenlust



Anne-Katrin Weber: Deftig vegetarisch - schmoren. backen. braten. rösten. panieren. grillen.
220 Seiten, Großformat 23 x 29,7 cm. 29.95 €. Becker Joest Volk Verlag

Ich bin keine begnadete Köchin, die mit lockerer Hand fantastische Geschmackserlebnisse kreiert, aber mit guten unkomplizierten Rezepten habe ich durchaus Erfolgserlebnisse. Vegetarisch müssen sie allerdings sein, denn seit einigen Jahren esse ich nichts mehr, was sich mal bewegt hat. Alles das finde ich in diesem schön und praktisch aufgemachten Kochbuch. Es enthält über 70 einfache, aber doch raffinierte Rezepte und macht einem mit rund 100 Fotos den Mund wässerig. Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen: Pasta mit gebratenen Artischocken, Tomaten und Pecorino. Polentagratin mit Pilzen. Ziegenkäsetart. Nur drei von zahlreichen Rezepte, die ich schon ausprobiert habe. Ergebnis: Lecker! Das sagt auch mein Mann, der meine Veggie-Konsequenz nicht unbedingt teilt. Ein Kochbuch, das sich lohnt und auch Nicht-Vegetarier überzeugen kann.
Übrigens gibt es von der gleichen Autorin zur festlichen Ergänzung das Kochbuch „Party- und Fingerfood – Deftig vegetarisch“.   

Donnerstag, 14. Juli 2016

Kein Zufall



Elke Heidenreich: Alles kein Zufall. Kurze Geschichten. 233 Seiten. 19,90 €, Hanser Verlag
Elke Heidenreich ist mir noch aus meiner Zeit als beratende Psychologin der Zeitschrift „Brigitte“ vertraut. Sie hatte dort eine Kolumne und ich schrieb über alle möglichen psychologischen Themen. Persönlich begegnet sind wir uns allerdings nur einmal, bei der Jubiläumsgala des Blattes in Berlin, schick im Abendkleid. Trotzdem habe ich das Gefühl, ich kenne sie schon lange. Das verstärkt sich nun durch dieses wunderbare persönliche Buch.
Elke Heidenreich hat darin – wenn ich richtig gezählt habe – in 190 Geschichten Anrührendes, Komisches und Kritisches aufgezeichnet. Manche sind eineinhalb Seiten lang, andere nur ein paar Zeilen. Alle haben einen privaten Hintergrund, etwa Freundschaften, Reiseerlebnisse, Kindheitserinnerungen. Geordnet sind die vielfältigen Themen alphabetisch nach Überschriften, von „Allein“ bis „Zufall“.  Die große Kunst von Elke Heidenreich besteht darin, dass sie ihre genaue Beobachtung dramaturgisch auf den Punkt bringt und sprachlich perfekt beschreibt.
Die Geschichten machen süchtig. Ich konnte nicht aufhören zu lesen. Und sie können die Leserinnen und Leser dazu inspirieren, auch für sich auf die kleinen Erlebnisse des Alltags zu achten und sie als  Geschichten zu speichern.
Übrigens kommen Elke Heidenreich und ich uns da auch wieder näher: Im Oktober erscheint im Herder Verlag mein Buch „Vertrau dem Leben“ – Psychologische Geschichten, angeordnet nach dem Alphabet.   

Montag, 11. Juli 2016

Kindermund tut Wahrheit kund



Irmgard Keun: Kind aller Länder. 221 Seiten. 17,99 €, Kiepenheuer & Witsch
Irmgard Keuns  Buch „Das kunstseidene Mädchen“ hatte ich vor Jahren mit großem Vergnügen gelesen. So war ich neugierig, als ich in der Verlagsvorschau auf dieses aufmerksam wurde.
Irmgard Keun war in den 1930er Jahren eine vielgelesene Autorin und wurde von bedeutenden Kollegen wie Tucholsky als junges Talent bewundert. Ihre Romane waren Bestseller, anrührend,  hintergründig und charmant geschrieben. Der  literarische Erfolg wurde  durch die Nazi jäh beendet, sie sah sich gezwungen, ins Exil nach Belgien und in die Niederlande zu gehen. Auf dieser Erfahrung beruht der autobiographisch gefärbte Roman. Er handelt vom Schicksal einer Emigrantenfamilie Ende der 30er Jahre. Der Vater, ein  Schriftsteller, zieht mit Frau und Tochter kreuz und quer durch Europa und ist ständig bemüht, Geld und Visa aufzutreiben. Trotz dieser deprimierenden Umstände bringt einen das Buch an vielen Stellen zum Lachen. Irmgard Keun beschreibt die Ereignisse nämlich aus der Perspektive der neunjährigen Tochter Kully. Die macht sich ebenso naiv wie altklug und scharfsichtig ihre Gedanken, etwa so: “Ich kann ja überall herumspringen und lustig sein. Aber Erwachsene brauchen Geld, wenn sie lustig sein wollen. Darum haben sie es viel schwerer als ein Kind.“ Oder „Entweder man liebt seine Eltern, dann ehrt man sie sowieso, oder man liebt sie nicht, dann können die Eltern mit der ganze Ehre verdammt wenig anfangen.“
Stilistisch ist diese Perspektive eine Gratwanderung, die Irmgard Keun nicht immer gelingt. Manchmal äußert sich ihre Protagonistin Kully für eine Neunjährige dann doch etwas zu blumig-literarisch („Die Nacht streute Sternenlichter in unser Abteil“). Man hört die erwachsene Autorin hindurch.  Trotzdem ist es ein lesenswertes Buch. Als ein Stück Zeitgeschichte und als Vermächtnis einer Schriftstellerin, die Tragik heiter zu beschreiben wusste.