Donnerstag, 7. September 2017

Kind der Liebe

Sandra Schulz: „Das ganze Kind hat so viele Fehler“. Die Geschichte einer Entscheidung aus Liebe. 235 Seiten. 14,90 €. Rowohlt Polaris

Sandra Schulz entscheidet sich zu Beginn ihrer Schwangerschaft, die moderne Pränataldiagnostik in Anspruch zu nehmen, um Sicherheit zu haben, dass ihr Kind gesund ist. Sie muss erfahren, dass es das Down-Syndrom hat. Zudem kommen noch schwere Anomalien wie ein Herzfehler und ein Wasserkopf dazu. Damit beginnt eine unglaublich harte Zeit, in der Sandra emotionale Höhen und Tiefen durchlebt, eine Zeit voller Konflikte: Soll sie das Kind bekommen oder einer legalen Abtreibung zustimmen? Die Ärzte sind dabei keine große Hilfe, denn außer einer aktuellen Diagnose können sie kaum Voraussagen machen. Die Pränataldiagnostiker raten zum Abbruch, ein Kinderarzt macht Mut. Auch die Umgebung, Eltern und Freunde reagieren ambivalent. Trotz aller psychischen und körperlichen Probleme wächst in Sandra die Liebe zu ihrem ungeborenen Kind und sie kämpft dafür, dass es überlebt, im Mutterleib und später als Frühchen im Krankenhaus. Dabei steht ihr ihr Ehemann Christoph bewundernswert zur Seite. Das Buch endet mit dem zweiten Lebensjahr der kleinen Marja, die sich gut entwickelt hat. Man spürt die Liebe der Eltern zu ihrem behinderten Kind und ihre Gewissheit, die für sie richtige Entscheidung getroffen zu haben.  
Ein ehrliches Buch, das werdenden Eltern eine Hilfe sein kann, bei der Frage, ob sie die pränatale Diagnostik nutzen wollen und welche Konflikte dadurch gegebenenfalls entstehen. Es ist subjektiv geschrieben und wird an keiner Stelle moralisch. Nicht betroffene LeserInnen werden erkennen, wie dankbar man sein darf, wenn einen das Schicksal nicht in dieser Weise herausfordert.
Mir hat die Erfahrung von Sandra Schulz noch eine persönliche Erkenntnis gebracht: Meine Schwester hatte das Down-Syndrom. Als sie geboren wurde, kannte man noch keine pränatale Diagnostik. Mir scheint, dass die heutigen medizinischen Möglichkeiten das Leben komplizierter machen, der Preis für das Wissen ist hoch - aber es gibt uns auch die Freiheit der Entscheidung.    

Montag, 4. September 2017

Gesundbrunnen

Dr. Bertil Marklund: 10 Jahre länger leben. Die kurze Anleitung für ein gesundes und glückliches Leben. 171 Seiten. Ullstein. 10.-€

In meinem Regal stehen zahlreiche Ratgeber zu allgemeinen Gesundheitsthemen. Gute Bücher, zweifellos, aber doch oft so detailliert, dass es beim Lesen bleibt, weil die Umsetzung zu aufwändig ist. Das kleine gelbe Büchlein des schwedischen Professors für Allgemeinmedizin hebt sich wohltuend davon ab. Man bekommt Lust, die klaren und präzisen Hinweise sofort umzusetzen. Es enthält zehn Tipps in zehn Kapiteln: 1. Bewegung wirkt verjüngend. 2. Zeit für Regeneration.3 Schlaf stärkt. 4. Sonnenbaden, aber in Maßen. 5. Essen Sie sich gesund. 6. Trinken Sie das Richtige. 7. Behalten Sie Ihr Gewicht im Auge. 8. Mundgesundheit ist gleich allgemeine Gesundheit. 9. Bleiben Sie optimistisch. 10. Wir brauchen einander.
Eigentlich nichts, was wir nicht schon wüssten. Aber hier ist es zu einer kurzen, praktischen und überzeugenden Anleitung zusammengefasst. Einfach, aber nicht banal – dafür steht schon der wissenschaftliche Hintergrund und die Kompetenz des Autors. Das handliche kleine Buch ist ein guter Begleiter für die tägliche Gesundheit. Es inspiriert dazu, immer wieder mal hineinzuschauen und die eigenen Gewohnheiten zu korrigieren. Ob ich dadurch tatsächlich 10 Jahre länger lebe? Dr. Marklunds Tipps sind jedenfalls ziemlich überzeugend.

Montag, 14. August 2017

Kamera läuft...

Florian Mück, John Zimmer: Der TED-Effekt. Wie man perfekt visuell präsentiert – für TED-Talks, YouTube, Facebook und Videokonferenzen & Co. 220 Seiten. 17,99 €. Redline Verlag
Haben Sie schon mal versucht, ein Thema, dass Ihnen am Herzen liegt, in einer Viertelstunde zu vermitteln? Auf Events und auf meinem Youtube-Kanal habe ich dazu öfter die Gelegenheit und kann Ihnen versichern: Sich kurzzufassen ist besonders schwierig und erfordert gründliche Vorbereitung.
Inzwischen gibt es im Internet sogenannte TED-Talks, in denen Experten innerhalb von 18 Minuten in einem Video zu allen möglichen interessanten Themen sprechen. (TED steht für  Technik, Entertainment und Design“. Ursprünglich war das der Titel einer Konferenz zu diesen drei Bereichen.) TED-Talks sind bekannt für ihre Qualität, sowohl vom Inhalt als auch von der Darstellung. Wenn die Autoren also einen „TED-Effekt“ erreichen wollen, dann geht es ihnen um eine besonders hochkarätige visuelle Präsentation. Das bezieht sich auf Internetauftritte wie bei Facebook oder Youtube, aber auch live vor Publikum. 
Dazu geben Mück und Zimmer jede Menge praktischer Tipps: Wie man sich richtig vorbereitet. Wie man visuelle Hilfsmittel einsetzt, wie man mit den Tücken der Technik umgeht, wie man sich vor der Kamera positioniert und wie man mit Geschichten fasziniert. Zwischendurch streuen sie humorvoll ihre eigenen Erfahrungen ein.
Ein informatives Buch, zudem gut aufgebaut und locker geschrieben. Ein echter Gewinn für alle, die mit ihrem (kurzen) Vortrag ein Publikum fesseln und überzeugen möchten..

Dienstag, 8. August 2017

Kompetenz zeigen

Jack Nasher: Überzeugt. Wie Sie Kompetenz zeigen und Menschen für sich gewinnen. 252 Seiten. Campus. 24,95 €

Seit ich Jack Nashers Buch „Deal“ gelesen habe, weiß ich: Er ist ein Schlitzohr auf wissenschaftlicher Basis. Das bestätigt mir auch sein neues Buch. Beim Lesen fühlte ich mich hin- und hergerissen zwischen Abneigung „Das sind Tricks für Scharlatane“ und Begeisterung „Das ist bestes Handwerkszeug, um  mit Kompetenz zu überzeugen.
Doch nun zum Inhalt:
Wer im Berufsleben etwas erreichen will, muss kompetent sein. Allerdings sind Menschen generell kaum in der Lage, wahre Kompetenz zu erkennen. So spielte in einem Experiment ein weltberühmter Stargeiger in der U-Bahnstation einer amerikanischen Großstadt - und kaum jemand nahm von seiner Virtuosität Notiz. Was beweist: Kompetenz allein nutzt wenig, man muss sie auch passend verkaufen. Nasher, Professor an der Munich Business School, gibt dazu auf der Basis zahlreicher wissenschaftlicher Erkenntnisse eine Anleitung: Wie man spricht, wie man sich bewegt und kleidet, wie man gute und schlechte Nachrichten überbringt, wie man sich beliebt macht oder für eine größere Attraktivität sorgt. Eine Kernthese aber ist seine Forderung , sich von Bescheidenheit zu verabschieden. Kategorisch erklärt er: „Bescheidenheit hat im beruflichen Umfeld nichts verloren." Sie wird nämlich meist mit Unsicherheit und Feigheit assoziiert und als Schutzschild vor möglichem Versagen gedeutet.
Ein faszinierendes Buch mit vielen praktischen Tipps. Meinen inneren Widespruch dazu habe ich so aufgelöst: Mit einem Messer kann man Rosen schneiden oder jemanden umbringen. Wenn Schaumschläger die guten Tipps zur Selbstvermarktung nutzen, werden sie hoffentlich früher oder später entlarvt. Für kompetente Menschen sind die Tools sehr nützlich, denn so werden sie nicht länger übersehen.

Freitag, 4. August 2017

Pflanzenkunde

Thomas Hohensee: Die Löwenzahnstrategie. Blüh auf, sei wild und unbezähmbar175 Seiten. Integral. 16,99 €

Ich gebe zu, Bücher mit der Endung „-strategie“ habe ich bisher mit Skepsis betrachtet. Sie wird gerne an irgendwelche Tiere angehängt, etwa Mäuse, Pinguine oder Bären, um auf diese Weise simple Weisheiten aufzupeppen. Umso neugieriger war ich, was der von mir geschätzte Autor Thomas Hohensee mit seiner Strategie verfolgt.
Mir war schnell klar: Dieses Buch ist anders. Kein aufgemotzter Business-Ratgeber, sondern ein bezauberndes Buch, das Mut zu einem selbstbestimmten Leben macht. Die Pflanze wird als Beispiel für zahlreiche Aspekte zitiert, die sie auszeichnen und die sich auf  unser Dasein übertragen lassen. Dazu gibt es je ein Kapitel, etwa „Tue das, was du am besten kannst“, „Nutze günstige Gelegenheiten“, „Übe dich in der Kunst, das Mögliche zu tun“ oder „Spüre deine Stärke“.
Charmant ist dabei der Einstieg in jedes Kapitel: Der Autor lässt den Löwenzahn selbst  zu Wort kommen. Der erzählt zum Beispiel unter der Überschrift „Nutze günstige Gelegenheiten“, wie geschickt er ein Areal in einer Woche mit gelben Blüten überzieht. Auf diese Weise wird jeweils eine Verbindung von Eigenschaften der Pflanze zu einem guten Rat für die LeserInnen geschaffen.
Ein liebenswürdiges Buch, das beim Lesen glücklich macht und rundum anregt. Ach ja, den Löwenzahn werde ich ab jetzt mit Respekt betrachten.     

Freitag, 28. Juli 2017

Familienchronik

Friederike Oeschger, Babette Radke: Die Mossdorfs. Das Schicksal einer Berliner Familie im 20. Jahrhundert. 320 Seiten. 22.- €. Hoffmann und Campe

Manchmal kommt man auf Umwegen zu einem Buchtipp: Auf einem Event erzählte mir Friederike Oeschger, dass ihre Familiengeschichte als Buch erschienen sei. Ich war neugierig – und entdeckte eine Lektüre so interessant wie eine TV-Dokumentation und berührend wie ein Historienfilm.
90 Jahre lang war die Familie Mossdorf in der Prinzregentenstraße 83 in Berlin-Wilmersdorf zu Hause. Nach dem Tod von Rosemarie Mossdorf, der letzten Bewohnerin, finden ihre Nichten Friederike und Babette bei der Wohnungsauflösung zahllose Briefe, Tagebücher und Fotoalben von Familienmitgliedern. Die Nachkommen beschließen, diesen Schatz aufzuarbeiten. Die Geschichte der gutbürgerlichen Familie Mossdorf vom Kaiserreich über den Nationalsozialismus bis hin zum Mauerfall erlaubt einen besonderen Einblick in die Zeit. Sie beginnt mit Otto Mossdorf, der als junger preußischer Offizier die wohlhabende, patente Else Krause heiratet und endet mit ihrem jüngsten Sohn Carl-Friedrich, dem Vater der beiden Autorinnen.
Belegt wird die Chronik mit vielen Zitaten und Fotos. Besonders angenehm ist die sachliche Beschreibung der Ereignisse. Hier hat gewiss die kundige Hand des Co-Autors Michael Seufert gewirkt, ehemals Journalist beim „Stern“. Auf emotionale Effekte oder Urteile wird verzichtet, so dass es dem Leser und der Leserin überlassen bleibt, sich eine Meinung zu bilden. Allenfalls blitzt manchmal eine charmante Ironie durch. Etwa als die monarchietreue Else mit ihrer Tochter während einer Reise auf Madeira zur Grabeskirche Karls von Habsburg, dem letzten Kaiser von Österreich-Ungarn, pilgert. Da heißt es kurz: „Aber auch ein toter Kaiser war allemal einen Besuch wert.“ 
Ein empfehlenswertes Buch für alle, die sich für Familiengeschichte und historische Zusammenhänge interessieren.
 

Sonntag, 23. Juli 2017

Es brennt!

Anja Förster & Peter Kreuz: Zündstoff für Andersdenker. 173 Seiten. 24,90 €. Murmann Verlag

Wenn wir ein Streichholz anzünden, gibt es zwei Möglichkeiten: Wir blasen es aus, bevor wir uns die Finger verbrennen – oder wir zünden damit eine Kerze oder den Grill an und haben lange etwas davon. Das ist unsere Wahl. Das Buch von Förster und Kreuz steckt jedenfalls voll  mentalem Zündstoff, von dem wir uns entweder kurzfristig inspirieren lassen oder den wir als Anstoß für eine dauerhafte Veränderung nehmen können. Themen sind unter anderem Initiative, Kreativität, Engagement, Authentizität, Teamwork, Fantasie, Mitarbeiterführung – so ziemlich alles, was in der Wirtschaft von Bedeutung ist. Jedes Kapitel steht für  sich und beleuchtet auf 2, 3 Seiten einen Aspekt. Dazu steigt das Autorenpaar jeweils mit einer ungewöhnlichen Story ein, wie wir sie aus ihren Blogs, Kolumnen und Newsletters kennen. Etwa die von Ella Fitzgerald. Als sie bei einem Auftritt den Songtext vergessen hatte, improvisierte sie erfolgreich – hier ein Beispiel für den Wert von flexiblen, individuellen Reaktionen, und ein Lob der Unvollkommenheit.
Insgesamt viel Anregung zum Quer- und Selberdenken, im gewohnt lässigen und gleichzeitig präzisen Förster-Kreuz-Sprech.
Der Zündstoff ist in einer attraktiven Box verpackt: Großzügiges Layout und viele farbige grafische Illustrationen (sinnig: alle in gelb-rot wie Feuer).
Streichhölzer? Für manche vermutlich ein Molotowcocktail.