Montag, 20. November 2017

Helikopter-Eltern im Anflug

Lena Greiner, Carola Padtberg: Verschieben Sie die Deutscharbeit – mein Sohn hat Geburtstag. 222 Seiten, 9,99 € , Ullstein Verlag.
„Heute werden die Kinder eben anders erzogen als früher“, bemerkte eine ältere Dame spitz zu mir, während die Eltern eines Vierjährigen entzückt zusahen, wie er begeistert Sahne auf dem Tisch verteilte. Dieses Buch ist dafür ein guter Beleg. Es beschreibt Helikopter-Eltern, die ihre Premium-Kids bis zur Selbstaufgabe umkreisen. Ihre Aktivitäten sind hier in die Lebensphasen des Nachwuchses eingeteilt: Schwangerschaft, Kita, Schulweg, Schule inklusive Gang zum Gericht, Krankheiten, Uni und Ausbildung. Dabei handelt sich keineswegs um einen Erziehungsratgeber mit pädagogisch erhobenem Zeigefinger, sondern um eine skurrile Sammlung von Erlebnissen, die Hebammen, ErzieherInnnen, LehrerInnen, AnwältInnen, ÄrztInnen und ProfessorInnen den Autorinnen - beide Journalistinnen bei Spiegel Online -  vermittelt haben. Da trägt eine Mutter trotz Bandscheibenvorfall ihren Zweijährigen auf dem Arm, weil der partout nicht in den Buggy will. Eine andere gibt in der Kita die Anweisung, dass man ihrem Augenstern bei exakt 18,5 Grad der Pulli anziehen soll. Ein 15jähriger darf nicht allein mit der U-Bahn fahren und ein Vater erkundigt sich beim Professor nach den Noten seines studierende Sohnes  – das alles liest sich sehr lustig, wenn die Tatsachen nicht so traurig wären. Am Ende hat das Buch durchaus eine Ratgeberfunktion, aber durch die Hintertür. Vielleicht erkennt sich ja  jemand selbstkritisch wieder.
Liebe Autorinnen, hier kommt mein verspäteter Beitrag: Kürzlich in einer Boutique in Hamburg-Eppendorf (entspricht Berlin-Prenzlauer Berg). Eine Mutter probiert ein teures Outfit, ihr fünfjähriger Sohn schlägt derweil mit einer Metallschnalle auf den Spiegel ein. Die Verkäuferin macht sehr freundlich darauf aufmerksam, der Spiegel könne kaputtgehen. Darauf die Eppendorf-Mutter empört: „Machen Sie sich lieber Gedanken darüber, dass sich mein Sohn verletzen könnte!“
  



Montag, 13. November 2017

Gefühle runter von der Couch!

Christian Dogs, Nina Poelchau: Gefühle sind keine Krankheit. 230 Seiten, 20.- € , Ullstein

Eigentlich hatte ich unter dem Titel eine ausführliche psychologische Betrachtung von verschiedenen Gefühlen erwartet. Doch der Facharzt für Psychiatrie und Psychosomatik (mit einer Journalistin als Co-Autorin) befasst sich mit dem Thema überwiegend unter einem anderen Aspekt: Die oft falsche Behandlung von Gefühlen in der Psychotherapie. Besonders und sehr bewegend ist, dass er seine persönliche Erfahrung aus Kindheit und Jugend einbringt. Dogs hat furchtbar unter einem sadistischen Vater und einer alkoholkranken Mutter gelitten. Dass er diese familiäre Hölle überwinden konnte, macht ihn als Therapeut so glaubwürdig. Da schreibt jemand, der Leid kennt und es trotzdem geschafft hat, sein Leben positiv zu gestalten. Das eigene Erleben und seine langjährige Berufserfahrung als Klinikleiter führen dazu, dass er mit Depressionen, Burn-out, Magersucht und anderen seelischen Störungen wesentlich praktischer und effektiver umgeht, als es in Therapien oft üblich ist. Der Autor erklärt mit vielen Beispielen, warum es so wichtig ist, unangenehme Gefühle und Warnsignale des Körpers frühzeitig wahrzunehmen. Und er beschreibt, wie eine Psychotherapie aussehen sollte, falls Selbstheilungskräfte nicht ausreichen: Empathisch, offen, partnerschaftlich und wirkungsvoll. Das verbindet Dogs mit scharfer Kritik an veralteten Therapieverfahren, an Verstrickungen von Ärzten und Therapeuten mit der Pharmaindustrie und an Therapiekonzepten, die Patienten auch mit Blick aufs Honorar unnötig in Abhängigkeit halten.
Die Stärke des Buches liegt darin, dass es Mut macht, sich den eigenen Gefühlen zu stellen. Außerdem informiert es darüber, wie eine sinnvolle Therapie nach neuer Forschung sein sollte. Bedauerlich ist, dass es in der zweiten Hälfte vom Thema Gefühle abkommt. Und wenn man schon die Beschreibung einzelner Therapiemethoden mithinzunimmt, dann bitte nicht so kurz, zudem fehlen wichtige Methoden wie etwa die Gestalttherapie.
Als ehemalige Psychotherapeutin empfehle ich das Buch. Es ist gut lesbar und für jeden interessant - besonders aber für diejenigen, die eine Psychotherapie machen oder erwägen.


Mittwoch, 8. November 2017

Neunmal Romantik

Jojo Moyes: Kleine Fluchten. Geschichten vom Hoffen und Wünschen. 137 Seiten, 12.- €. Wunderlich

Ich habe schon mit Vergnügen zwei Bücher von Jojo Moyes gelesen. Sie hat einen ganz eigenen, warmherzigen Schreibstil, der immer voller Mitgefühl für ihre ProtagonistInnen ist. Der zeigt sich auch in diesen neun Kurzgeschichten: Der Mantel vom letzten Jahr. Ein Spatz in der Hand. Der Wunschzettel. Krokodilschuhe. Liebe am Nachmittag. Holdups. Dreizehn Tage mit John C. Between the Tweets. Margot. 
Die Storys erzählen vom kleinen, alltäglichen Glück und Unglück ganz normaler Menschen, von ihren Sehnsüchten nach einem anderen, besseren Leben. Das ist anrührend und manchmal überraschend, romantisch, aber nie kitschig. Verstärkt wird die Wirkung noch durch stimmungsvolle farbige Illustrationen von Daniela Terrazini.  
Die Lektüre bietet auch kleine angenehme Fluchten in eine andere Welt für Leserinnen – es ist sicher mehr ein Buch für Frauen als für Männer. Mit seinem handlichen Format begleitet es in die S-Bahn oder abends ins Bett.  

Donnerstag, 2. November 2017

Bitte recht freundlich

Jens Weidner: Optimismus. Warum manche weiter kommen als andere. 218 Seiten, 19,95 €.

Jens Weidner ist Professor für Erziehungswissenschaften und Kriminologe – vor allem aber ist er Vorstandsmitglied im Wirtschaftsclub  der Optimisten. Was beweist: Der Autor brennt für das Thema. Sein Buch basiert unter anderem auf den Daten einer Optimismus-Studie, die der Club beim renommierten Rheingold Marktforschungsinstitutes in Auftrag gegeben hat.
Als erstes erfährt man Historisches und Wissenswertes über Optimismus und Pessimismus. Danach kann man mit einem Fragebogen testen, welcher Optimismus-Typ man selbst ist. Im dritten Teil folgt eine differenzierte, kritische Betrachtung des Optimismus, immerhin kann die rosarote Brille auf der Nase eines naiven Menschen für ihn und andere gefährlich werden. Ideal erscheint der „Best-of-Optimist", der ebenso vorsichtig wie hoffnungsvoll ist, sich freundlich zeigt, aber auch anders kann. In den folgenden Teilen geht es um Strategien, wie ein gesunder Optimismus lebenslang umzusetzen ist, auch in schwierigen Situationen. Das Buch endet mit einer Zusammenfassung von 25 Praxistipps.
Weidner schreibt anschaulich und trotz aller Wissenschaftlichkeit sehr gut verständlich. Schön sind die vielen Beispiele, auch aus eigener Erfahrung. Ein anregendes und informatives Buch, das Lust macht, einen eigenen Optimisten-Club zu gründen - notfalls mit nur einem Mitglied.  

Samstag, 28. Oktober 2017

Black & White

Irene Dische: Schwarz und Weiß. 496 Seiten. 26.-€ .Hoffmann und Campe 
Ich habe Irene Disches „Großmama packt aus“ und „Fromme Lügen“ mit Vergnügen gelesen. Von daher war ich gespannt auf ihren neuen Roman, mit fast 500 Seiten ein wahrhaft mächtiges Buch.  Auch inhaltlich gibt es sich üppig. Es beginnt in den 1970er Jahren und endet in der Gegenwart. Dazwischen nimmt es alles an Zeitgeschichte und Gesellschaft im Schmelztiegel New York mit.
Im Zentrum steht eine Mischehe: Lili ist die schöne Tochter eines jüdischen Künstlerpaares, der dunkelhäutige Duke kommt aus dem Süden der USA. Die beiden verlieben sich heftig ineinander und heiraten schließlich. Lilis liberale Eltern nehmen den Mann ihrer Tochter gerne in die Familie auf. Unerwartet macht Duke Karriere als Weinverkoster, die Krankenschwester Lili wird als  Model entdeckt. Sie werden zum Glamourpaar, das mit Geld nur so um sich wirft. Auf leidenschaftliche Liebe und berufliche Highlights folgt der Absturz. Schließlich endet alles in einer tödlichen Katastrophe.    
Irene Dische entfacht ein Feuerwerk an fantastischen Wendungen und scharf  beobachtetem  Verhalten verschiedener Gesellschaftsschichten. Allerdings schreibt sie so distanziert, und  wenig empathisch, dass mich die Protagonisten nicht berührt haben. Das ist gewiss Geschmackssache, aber ich lese lieber Bücher, die nicht nur mit kühlem Kopf geschrieben sind. Wer das jedoch mag, hat mit dem Buch gewiss einen interessanten Fundus.  .

Montag, 23. Oktober 2017

Hashimoto ist kein Sushi

Suzy Cohen: Schlank und schön trotz Hashimoto: Wie Sie Ihre Schilddrüsen-Gesundheit optimieren. 297 Seiten.14,99 € , mvgverlag

Medizinische Themen sind ja eher die Ausnahme auf meinem Rezensionsblog. Aber dieses Buch hier zu besprechen sehe ich jetzt mal als meine Mission an, zumal ich selbst betroffen bin: Über zehn Millionen - vor allem Frauen - leiden an Hashimoto, einer Autoimmunkrankheit, die die Schilddrüse angreift. Die Folgen sind meist diffus, etwa Schlafstörungen oder Gewichtsprobleme, so dass oft eine falsche Diagnose gestellt wird. Wer allerdings weiß, was er hat, braucht zusätzliche Informationen, mehr als die meisten Ärzte geben (können). Hier hilft Suzy Cohens Buch. Es hat 6 umfangreiche Teile: Die Schilddrüse. Die Schilddrüsentests. Nährstoffräuber. Störungen, die von der Schilddrüse ausgehen können. Die Behandlung der Schilddrüse. Endlich schilddrüsengesund.
Der Titel „Schlank und schön…“ soll natürlich zum Lesen verlocken (sorry, ich bin weder dick noch hässlich), aber im Kern geht es umfassend um Gesundheit. Für Betroffene lohnt es sich, das verständlich und kompetent geschriebene Buch durchzuarbeiten, doch auch schon beim schnellen Hineinlesen kriegt man viele gute Tipps, etwa zur Ernährung. Ich hoffe, dass viele meiner „LeidensgenossInnen“ darin Anregungen finden – und demnächst bespreche ich dann auch wieder Literarisches und Psychologisches.
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Donnerstag, 19. Oktober 2017

Hammermäßig!

Jen Sincero: Du bist der Hammer! Hör endlich auf, an deiner Großartigkeit zu zweifeln, und beginn ein fantastisches Leben.300 Seiten. 16,99 €. Ariston Verlag

jen Sinceros Buch ist frech, warmherzig und inspirierend. Es geht um Selbstliebe, und das in 5 Teilen:1. Wie Sie zu dem wurden, was Sie sind. 2. Wie Sie Ihren inneren Hammertypen finden. 3. Wie Sie sich mit der Ursprungsenergie verbinden.  4. Wie Sie endlich den GS (Ihr Ego) überwinden. 5. Wie Sie so richtig durchstarten.
Der Inhalt ist ein Mix aus eigener Erfahrung, psychologischer Technik   und esoterischen Weisheiten. Das ist nicht wirklich neu, aber äußerst anregend zusammengestellt. An dieser Stelle auch ein großes Lob für das Layout: Es macht mit sinnvollen Abschnitten und Hervorhebung von Kernsätzen das Buch gut lesbar. Sinceros Sprache ist teilweise arg salopp (das hätte man sicher stellenweise mit einer passenden Übersetzung reduzieren können). Dennoch ist dieses Buch zu empfehlen. Man spürt, dass die Autorin authentisch für das steht, was sie vermittelt. Tatsächlich lebt sie ihren Traum, reist ohne festen Wohnsitz  durch die Welt und ermutigt als Coach und Referentin Menschen, frei und selbstbewusst zu leben. Nach der Lektüre fragt man sich voller Schwung: Ja, was hindert mich denn eigentlich, zu bekommen, was ich möchte? Schließlich bin ich doch der Hammer!