Sonntag, 8. Oktober 2017

Persönliche Buchmesse

Jean-Philipp Delhomme: Die Sache mit der Literatur. 96 Seiten. 20.-€. Liebeskind

Ich liebe Cartoons! Den guten unter ihnen gelingt es mühelos, per Bild und kurzem Text Zusammenhänge zu erläutern und Situationen zu verdichten. Meist zaubern sie beim Betrachten ein Lächeln aufs Gesicht – man freut sich, etwas verstanden oder wiedererkannt zu haben.
Jean-Philipp Delhomme hat sich dazu die Welt der Schriftsteller ausgesucht. Mit feiner Beobachtungsgabe und bissigem Humor nimmt er die großen und kleinen Schwächen der Literaten und ihrer Bewunderer aufs Korn. Deren Empfindlichkeiten und Eitelkeiten markiert er mit Sätzen wie: „Es war eine große Enttäuschung, zu sehen, wie ein amerikanischer Autor, den wir sehr verehrten, einem luxuriösen SUV entstieg“ oder „Man hat mir bestätigt, dass eine euphorische Kurzkritik meines Romans in der Apothekenumschau Wellen schlagen würde. Meine Pressagentin meint, dies sei absolut `richtungsweisend`“. Jeder Cartoon - der jeweils eine Buchseite einnimmt -, ist ein kleines malerisches Kunstwerk, das man sich gerahmt ins Zimmer hängen könnte.Schließlich ist Delhomme auch ein bekannter Illustrator, der schon für große Zeitschriften gearbeitet hat.
Der Bildband ist optisch eine Augenweide und inhaltlich ein großes Vergnügen – nicht nur für Mitglieder des Literaturbetriebes.  

Montag, 2. Oktober 2017

Albtraum Liebe

Jessica Schulte am Hülse: Verrat. Sieben Verbrechen an der Liebe.256 Seiten. 19,99 €, Blessing Verlag
Unter dem Buchtitel hatte ich mir spektakuläre Dramen versprochen, stilistisch opulent aufbereitet. Umso überraschender war für mich die Lektüre: Die Autorin beschreibt in sieben Kurzgeschichten als kühle Beobachterin fast protokollarisch, wie schmerzhaft Liebe scheitern kann. Gerade durch die distanzierte Sachlichkeit, verbunden mit sensiblem Gespür für die Protagonisten, entfalten die auf wahren Erlebnissen beruhenden Geschichten ihre intensive Wirkung:
Ein gefühlskalter Chirurg plant seine Familiengründung wie seine Karriere, doch seine Frau hat ein Geheimnis. Ein junger Anwalt verliebt sich in einen Zwilling, versagt aber bei einem Test der Schwestern. Die Liebe einer jungen Pharmazeutin zu einem treulosen Hochstapler endet in Selbstzerstörung. Eine junge Türkin scheitert fast am Zwiespalt zwischen Tradition und moderner Lebensart. Eine Frau lässt um den Preis des Verrats von Familien und Freunden ihre Vergangenheit hinter sich. Ein willensschwacher Amerikaner wird aus Bequemlichkeit in Deutschland zum Bigamisten. Eine junge Frau zerbricht fast an der notorischen Untreue ihres narzißtischen Ehemanns.
Die sieben Geschichten haben ihre eigene Spannung und gehen unter die Haut. Ein Buch wie ein Krimi, nur dass die Verbrechen hier auf emotionaler Ebene stattfinden.  

Donnerstag, 21. September 2017

Böse Alte

Nicholas Searle: Das Alte Böse. Thriller. 365 Seiten, 19,95 €. Kindler

Krimis sind eigentlich nicht meine Domäne, schon gar nicht, wenn darin detailliert eklige Grausamkeiten beschrieben werden. Aber für psychologisch  feinsinnige Krimis à la Patricia Highsmith oder George Simenon habe ich durchaus etwas übrig. Dieser hier ist so einer, in bester Tradition:     
Roy und Betty, beide über 80 Jahre alt, lernen sich über ein Dating-Portal kennen. Schnell ziehen sie zusammen. Roy zeigt auffälliges Interesse an Bettys finanzieller Situation. In Rückblenden erfährt man, dass er früher in Betrügereien verwickelt war und überhaupt eine reichlich undurchsichtige Vergangenheit hat. Betty ist gebildet, selbstbewusst und klug. Offenbar durchschaut sie Roy und man fragt sich, warum sie es mit diesem unsympathischen Menschen überhaupt aushält. Doch das hat seine Gründe, die sich erst langsam erschließen. In Rückblenden wird das Zusammenleben der alten Leute immer wieder mit ihrer jeweiligen Vergangenheit verschränkt. Die entpuppt sich nach und nach für beide als brisant und schockierend. Schließlich holt Roy zum finalen Coup aus und vermittelt Betty einen betrügerischen Finanzberater, um an ihr Vermögen zu kommen. Doch Betty ist keineswegs so harmlos, wie es anfangs erscheint. Es kommt zu einer überraschenden Wendung – die ich hier natürlich nicht verrate.
Die Geschichte über ein Verbrechen in der Vergangenheit und seine Sühne ist spannend und unterhaltsam erzählt. Ein intelligentes Lesevergnügen auch für diejenigen, die keine erklärten Krimifans sind.

Donnerstag, 7. September 2017

Kind der Liebe

Sandra Schulz: „Das ganze Kind hat so viele Fehler“. Die Geschichte einer Entscheidung aus Liebe. 235 Seiten. 14,90 €. Rowohlt Polaris

Sandra Schulz entscheidet sich zu Beginn ihrer Schwangerschaft, die moderne Pränataldiagnostik in Anspruch zu nehmen, um Sicherheit zu haben, dass ihr Kind gesund ist. Sie muss erfahren, dass es das Down-Syndrom hat. Zudem kommen noch schwere Anomalien wie ein Herzfehler und ein Wasserkopf dazu. Damit beginnt eine unglaublich harte Zeit, in der Sandra emotionale Höhen und Tiefen durchlebt, eine Zeit voller Konflikte: Soll sie das Kind bekommen oder einer legalen Abtreibung zustimmen? Die Ärzte sind dabei keine große Hilfe, denn außer einer aktuellen Diagnose können sie kaum Voraussagen machen. Die Pränataldiagnostiker raten zum Abbruch, ein Kinderarzt macht Mut. Auch die Umgebung, Eltern und Freunde reagieren ambivalent. Trotz aller psychischen und körperlichen Probleme wächst in Sandra die Liebe zu ihrem ungeborenen Kind und sie kämpft dafür, dass es überlebt, im Mutterleib und später als Frühchen im Krankenhaus. Dabei steht ihr ihr Ehemann Christoph bewundernswert zur Seite. Das Buch endet mit dem zweiten Lebensjahr der kleinen Marja, die sich gut entwickelt hat. Man spürt die Liebe der Eltern zu ihrem behinderten Kind und ihre Gewissheit, die für sie richtige Entscheidung getroffen zu haben.  
Ein ehrliches Buch, das werdenden Eltern eine Hilfe sein kann, bei der Frage, ob sie die pränatale Diagnostik nutzen wollen und welche Konflikte dadurch gegebenenfalls entstehen. Es ist subjektiv geschrieben und wird an keiner Stelle moralisch. Nicht betroffene LeserInnen werden erkennen, wie dankbar man sein darf, wenn einen das Schicksal nicht in dieser Weise herausfordert.
Mir hat die Erfahrung von Sandra Schulz noch eine persönliche Erkenntnis gebracht: Meine Schwester hatte das Down-Syndrom. Als sie geboren wurde, kannte man noch keine pränatale Diagnostik. Mir scheint, dass die heutigen medizinischen Möglichkeiten das Leben komplizierter machen, der Preis für das Wissen ist hoch - aber es gibt uns auch die Freiheit der Entscheidung.    

Montag, 4. September 2017

Gesundbrunnen

Dr. Bertil Marklund: 10 Jahre länger leben. Die kurze Anleitung für ein gesundes und glückliches Leben. 171 Seiten. Ullstein. 10.-€

In meinem Regal stehen zahlreiche Ratgeber zu allgemeinen Gesundheitsthemen. Gute Bücher, zweifellos, aber doch oft so detailliert, dass es beim Lesen bleibt, weil die Umsetzung zu aufwändig ist. Das kleine gelbe Büchlein des schwedischen Professors für Allgemeinmedizin hebt sich wohltuend davon ab. Man bekommt Lust, die klaren und präzisen Hinweise sofort umzusetzen. Es enthält zehn Tipps in zehn Kapiteln: 1. Bewegung wirkt verjüngend. 2. Zeit für Regeneration.3 Schlaf stärkt. 4. Sonnenbaden, aber in Maßen. 5. Essen Sie sich gesund. 6. Trinken Sie das Richtige. 7. Behalten Sie Ihr Gewicht im Auge. 8. Mundgesundheit ist gleich allgemeine Gesundheit. 9. Bleiben Sie optimistisch. 10. Wir brauchen einander.
Eigentlich nichts, was wir nicht schon wüssten. Aber hier ist es zu einer kurzen, praktischen und überzeugenden Anleitung zusammengefasst. Einfach, aber nicht banal – dafür steht schon der wissenschaftliche Hintergrund und die Kompetenz des Autors. Das handliche kleine Buch ist ein guter Begleiter für die tägliche Gesundheit. Es inspiriert dazu, immer wieder mal hineinzuschauen und die eigenen Gewohnheiten zu korrigieren. Ob ich dadurch tatsächlich 10 Jahre länger lebe? Dr. Marklunds Tipps sind jedenfalls ziemlich überzeugend.

Montag, 14. August 2017

Kamera läuft...

Florian Mück, John Zimmer: Der TED-Effekt. Wie man perfekt visuell präsentiert – für TED-Talks, YouTube, Facebook und Videokonferenzen & Co. 220 Seiten. 17,99 €. Redline Verlag
Haben Sie schon mal versucht, ein Thema, dass Ihnen am Herzen liegt, in einer Viertelstunde zu vermitteln? Auf Events und auf meinem Youtube-Kanal habe ich dazu öfter die Gelegenheit und kann Ihnen versichern: Sich kurzzufassen ist besonders schwierig und erfordert gründliche Vorbereitung.
Inzwischen gibt es im Internet sogenannte TED-Talks, in denen Experten innerhalb von 18 Minuten in einem Video zu allen möglichen interessanten Themen sprechen. (TED steht für  Technik, Entertainment und Design“. Ursprünglich war das der Titel einer Konferenz zu diesen drei Bereichen.) TED-Talks sind bekannt für ihre Qualität, sowohl vom Inhalt als auch von der Darstellung. Wenn die Autoren also einen „TED-Effekt“ erreichen wollen, dann geht es ihnen um eine besonders hochkarätige visuelle Präsentation. Das bezieht sich auf Internetauftritte wie bei Facebook oder Youtube, aber auch live vor Publikum. 
Dazu geben Mück und Zimmer jede Menge praktischer Tipps: Wie man sich richtig vorbereitet. Wie man visuelle Hilfsmittel einsetzt, wie man mit den Tücken der Technik umgeht, wie man sich vor der Kamera positioniert und wie man mit Geschichten fasziniert. Zwischendurch streuen sie humorvoll ihre eigenen Erfahrungen ein.
Ein informatives Buch, zudem gut aufgebaut und locker geschrieben. Ein echter Gewinn für alle, die mit ihrem (kurzen) Vortrag ein Publikum fesseln und überzeugen möchten..

Dienstag, 8. August 2017

Kompetenz zeigen

Jack Nasher: Überzeugt. Wie Sie Kompetenz zeigen und Menschen für sich gewinnen. 252 Seiten. Campus. 24,95 €

Seit ich Jack Nashers Buch „Deal“ gelesen habe, weiß ich: Er ist ein Schlitzohr auf wissenschaftlicher Basis. Das bestätigt mir auch sein neues Buch. Beim Lesen fühlte ich mich hin- und hergerissen zwischen Abneigung „Das sind Tricks für Scharlatane“ und Begeisterung „Das ist bestes Handwerkszeug, um  mit Kompetenz zu überzeugen.
Doch nun zum Inhalt:
Wer im Berufsleben etwas erreichen will, muss kompetent sein. Allerdings sind Menschen generell kaum in der Lage, wahre Kompetenz zu erkennen. So spielte in einem Experiment ein weltberühmter Stargeiger in der U-Bahnstation einer amerikanischen Großstadt - und kaum jemand nahm von seiner Virtuosität Notiz. Was beweist: Kompetenz allein nutzt wenig, man muss sie auch passend verkaufen. Nasher, Professor an der Munich Business School, gibt dazu auf der Basis zahlreicher wissenschaftlicher Erkenntnisse eine Anleitung: Wie man spricht, wie man sich bewegt und kleidet, wie man gute und schlechte Nachrichten überbringt, wie man sich beliebt macht oder für eine größere Attraktivität sorgt. Eine Kernthese aber ist seine Forderung , sich von Bescheidenheit zu verabschieden. Kategorisch erklärt er: „Bescheidenheit hat im beruflichen Umfeld nichts verloren." Sie wird nämlich meist mit Unsicherheit und Feigheit assoziiert und als Schutzschild vor möglichem Versagen gedeutet.
Ein faszinierendes Buch mit vielen praktischen Tipps. Meinen inneren Widespruch dazu habe ich so aufgelöst: Mit einem Messer kann man Rosen schneiden oder jemanden umbringen. Wenn Schaumschläger die guten Tipps zur Selbstvermarktung nutzen, werden sie hoffentlich früher oder später entlarvt. Für kompetente Menschen sind die Tools sehr nützlich, denn so werden sie nicht länger übersehen.