Sonntag, 8. Juli 2018

Dem Leid Paroli bieten

Thomas Hohensee: Stärker als das größte Leid. Resilienz aufbauen. In drei Schritten unerschütterlich durchs Leben. 159 Seiten. 16.- € . Nymphenburger
Ich bin ein erklärter Fan der Ratgeber von Thomas Hohensee. Sie haben eine klare, einfache – aber nie simple! – Sprache und vermitteln auch bei schweren Themen einen realistischen Optimismus. Psychologisch-philosophische Grundlage sind die Lehren des Buddhismus und die Rational-emotive Verhaltenstherapie, deren Credo lautet: Wir fühlen und handeln, wie wir denken. Beides eignet sich auch gut, um Leiden gefasst zu begegnen. Dass es kein Leben ohne Leid gibt, wird wohl niemand bezweifeln, wie schon das Sprichwort sagt: „Unter jedem Dach ein Ach“. Der Autor macht drei Fähigkeiten aus, die es braucht, um selbst im Schmerz unerschütterlich zu bleiben: 1. Den Status quo akzeptieren, ohne passiv zu sein. 2. Einen höheren Sinn in dem Geschehen entdecken. 3. Auf das Unvorhersehbare kreativ reagieren und zu improvisieren. Diese drei Schritte werden ausführlich erläutert und mit Beispielen bekannter Persönlichkeiten belegt, etwa Viktor Frankl oder Ruth Westheimer.
Das Buch gibt eine kluge, praktische Anleitung, wie sich das eigene Leid lindern lässt. Um es ein wenig poetisch auszudrücken: Schon beim Lesen wirkt es wie eine sanfte, kühle Hand auf einer fieberheißen Stirn. Aber ich empfehle es nicht nur denjenigen, die gerade Leid erfahren, sondern allen, die lernen wollen, wie man sich vorsorglich dagegen wappnet. Mir jedenfalls hat es einen großen Teil der Angst vor dem Unvermeidlichen genommen.  

Donnerstag, 5. Juli 2018

Das Leben in Kurzform

Markus Mirwald: Der vielleicht größte Schatz. Wesentliches in wenigen Worten. Bd. 1. 50 Seiten. 24.- €.

Ich liebe Aphorismen. Definiert werden sie als „prägnant-geistreiche, in sich geschlossene Sinnsprüche, die eine Erkenntnis, Erfahrung, Lebensweisheit vermitteln.“ Klug und/oder humorvoll regen sie zum Nachdenken an. Eigentlich könnte jeder von uns seine Erfahrungen in solche kurzen Sätze gießen, doch sie zu formulieren ist ähnlich schwer, wie ein Gedicht zu schreiben. Dem österreichischen Autor Markus Mirwald ist das gelungen. In seiner Sammlung von 50 eigenen Aphorismen finden sich etwa diese: „Es bedarf nichts weiter als einer verblüffenden Erkenntnis, um all unsere vorangegangenen Erlebnisse in ein neues Licht zu rücken.“ „Perfektionismus ist die Neigung, durch den Fokus auf Details das Wesentliche aus den Augen zu verlieren.“ Einige Aphorismen sind hintergründig, andere eher schlicht. Aber bei allen fast kann man zustimmend nicken: Ja, genau so ist es.
Der Autor hat das Buch im Selbstverlag herausgebracht. Es ist ansprechend gestaltet, im Querformat mit orange-weißem Hardcover. Auf edlem Papier steht jeder Aphorismus auf einer Seite, jeweils in gut lesbarer Handschrift und in Druckschrift. Ein schönes Geschenk für Freunde und eine Anregung, die eigenen Erfahrungen vielleicht auch einmal in kurze Sätze zu fassen.
Hier ist die Website mit Bestellmöglichkeit
P.S. Falls Sie noch mehr Aphorismen verschiedener Autoren lesen möchten, schauen Sie doch mal auf meinen Aphorismen-Blog:


Samstag, 30. Juni 2018

Wellenreiten

William Finnegan: Barbarentage. 566 Seiten. 18.- €. Suhrkamp

Zwar habe ich noch nie auf einem Board gestanden, doch das hindert mich nicht, mich für alles zu begeistern, was mit Surfen zu tun hat. Etwa für Filme wie „Riding Giant“ und „Step into the Liquid“. Und nun für ein Buch, in dem es vor allem ums Wellenreiten geht.
William Finnegan, geboren 1952, aufgewachsen auf Hawaii, Journalist und Kriegsreporter, surft seit seinem 11 Lebensjahr. In seiner Autobiografie ist von seinem Beruf und seinen Beziehungen weniger die Rede als von den Hot Spots der Surferszene. Seine Leidenschaft führt ihn nach Honolulu, Maui, Australien, Asien, Afrika und Madeira. Er reist von Strand zu Strand, immer auf der Suche nach der idealen Welle. Egal an welcher Stelle man das Buch aufschlägt, es geht ums Surfen, mit sämtlichen Facetten. Seite 178: „Manchmal, vor allem, wenn ein Swell richtig feuerte, brach im Wasser eine Hektik aus, die an Wahnsinn grenzte.“ Seite 310: „Ich deutete das ganze Riff völlig falsch. Anscheinend kam es mir nie in den Sinn, einen Peak weiter unten entlang des Riffs zu suchen, wo mich ein machbarer Takeoff zu einer saubereren, besser laufenden Welle geführt hätte.“ Seite 440: „Meistens surfte er besser als ich, und in Delgada traute er sich ganz allein in ein windgepeitsches Tiefseegebiet jenseits des Point und jagte Monstern nach, von denen ich gar nichts wissen wollte.“ Dabei geht Finnegan ganz selbstverständlich davon aus, dass man weiß, was ein Cleanup-Set, ein Drop oder ein Goofyfoot ist. Zum Glück gibt es hinten ein Glossar der gängigen Begriffe.
Auf über fünfhundert Seiten so großartig über Wellen(reiten) zu schreiben, ist eine Kunst, die an Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ erinnert. Inhaltlich  hat das Buch jedoch kaum   Höhepunkte, vielmehr fließt es, wie das Wasser, wie das Leben. Man muss sich geduldig darauf einlassen, dann ist es faszinierend. Sonst wird man sich langweilen.      

Donnerstag, 21. Juni 2018

Möge die Macht mit dir sein!

Phil Stutz, Barry Michels: The Force. 346 Seiten. 20.- €. Arkana

Die Autoren, beide renommierte Psychotherapeuten, zählen zahlreiche US-Stars zu ihren Patienten. Aber auch die Probleme von weniger prominenten Menschen lösen sie mit ihren unorthodoxen Methoden. Ihr erster Ratgeber „The Tools“ (die deutschen Übersetzungen tragen englische Titel) habe ich mit großem Interesse gelesen. Darin geben sie mit fünf  Fantasieübungen wirkungsvolle Werkzeuge an die Hand, um Ängste und negatives Denken zu besiegen. Ihr neues Buch „The Force“ ist eine Fortsetzung und Erweiterung. Unter der „Force“ verstehen sie die Lebensenergie, die uns drängt, unser Potenzial zu erweitern. Ihr Gegenspieler ist eine geheimnisvolle Kraft, die in uns allen steckt. Sie hindert uns auf perfide Weise daran, uns zu entwickeln. Stutz und Michels bezeichnen sie als „Part X“. Tatsächlich kennt wohl jeder von uns innere Bremsen, die uns davon abhalten, ein erfülltes Leben zu führen, wie etwa Bequemlichkeit, Ängste, mangelnde Disziplin. In diesem Buch gibt es ebenfalls „Tools“. Mit ihnen soll Part X geschwächt werden. Sie heißen „Die Schwarze Sonne“, „Der Wirbel“, „Die Mutter“ und „Der Turm“. Im Gegensatz zum ersten Buch erschließt sich mir nicht, warum gerade diese Bilder gewählt wurden: Warum ist die Sonne schwarz? Wie schluckt die „Mutter“ die bedrückende Masse negativer Gedanken? Aber nun ja, man kann schließlich ausprobieren, ob es wirkt. Genial ist jedenfalls die Benennung von „Part X“, einer modernen Version des Teufels, der in uns gegen das Gute kämpft. Damit hat das Gefühl einen Namen und kann jederzeit identifiziert werden.
Die Grundidee der Therapeuten, mit inneren Bildern gegen mentale und emotionale Beeinträchtigungen vorzugehen, ist faszinierend. Dazu geben sie LeserInnen gutes Werkzeug an die Hand. Ihre Mischung aus Schamanismus, Fantasie und psychologischem Wissen ist beeindruckend und lesenswert.

Sonntag, 17. Juni 2018

Die Freiheit der Frauen

Nina George: Die Schönheit der Nacht. 314 Seiten. 18,99 €. Knaur

Nina George kenne ich noch als Kolumnistin des Hamburger Abendblattes – ohne sie hätte ich nicht gewusst, dass bei Planten und Blomen im Sommer wunderbare Wasserspiele stattfinden. Später habe ich mit Vergnügen ihre bezaubernden Bücher „Die Mondspielerin“ und „Das Lavendelzimmer“ gelesen, mit dem sie international Erfolg hatte. Nun ist ein neuer Roman von ihr erschienen, den ich natürlich gleich lesen musste. Vor allem wo er wieder in der von mir geliebten Bretagne spielt.-
Die Pariser Verhaltensbiologin Claire und ihr Ehemann, der Komponist Gilles, führen scheinbar ein perfektes Leben, zusammen mit ihrem fast erwachsenen Sohn Nicolas. Und doch fehlt dem Paar das Gefühl, wirklich zu leben und nicht nur zu funktionieren. Jeder der beiden versucht, über Seitensprünge wieder ein Gefühl von Leidenschaft zu gewinnen. Ihren Sommerurlaub verbringen Claire und Gilles mit ihrem Sohn und dessen neuer Freundin Julie in ihrem Haus in der Bretagne. Dort kommen sich die beiden Frauen näher. Die kühle, innerlich wie versteinerte Claire und die lebenshungrige, aber ängstliche Julie sind von einander fasziniert. Während die erfahrene Claire der jungen Frau hilft, ihre Ängste zu überwinden, zeigt diese ihr einen Weg aus übermäßiger Kontrolle und Erstarrung. Die innere Verbindung der Frauen führt zu einer körperlichen Sinnlichkeit, die die Männer am Ende ausschließt - zumindest für einige Zeit.
Der Roman erhält seine Spannung nicht durch die Handlung, sondern indem er die seelischen Zustände der beiden Frauen beschreibt, ihre Suche nach ihrer wahren Identität. Eine Rolle spielt dabei auch die beeindruckende Kulisse der Bretagne, vor allem das Meer.
Nina George schreibt literarisch, poetisch, mit vielen Metaphern. Das ist oft schön, erscheint mir manchmal jedoch bemüht. Diese Ambivalenz empfinde ich auch in Bezug auf den gesamten Roman: Ich habe ihn gerne gelesen und kann die Sehnsucht der Protagonistinnen nach einem freien, authentischem Frauen-Leben durchaus nachvollziehen. Gleichzeitig erscheint mir ihr Problem luxuriös und spezifisch für die Gesellschaftsschicht, der Claire als erfolgreiche Professorin angehört. Trotz dieser (meiner persönlichen) Einschränkung lohnt sich die Lektüre.   

Dienstag, 12. Juni 2018

Gib mir Energie!

Joseph Cardillo: Energie für jede Lebenslage. Wacher, entspannter und durchsetzungsfähiger werden. 274 Seiten. 19.99 €. Scorpio Verlag
Mein persönlicher Energiespender ist morgens erst mal eine Tasse Kaffee. Aber die trägt nicht durch den Tag. So war ich neugierig darauf, welche Tipps der Autor gibt. Joseph Cardillo, ganzheitlicher Psychologe und Meister verschiedener Kampfkünste, hat einen neuen Blick auf die Bedeutung von Energie. Sie ist mehr als nur ein Grad der Wachheit , sie ist die tragende Kraft im Universum. In 12 Kapiteln befasst er sich damit, wie wir diese Lebenskraft ganz konkret erhöhen und für verschiedene Probleme nutzen können. Etwa um Stress oder Aggression abzubauen, die Stimmung zu haben, Konflikte zu lösen, das Gedächtnis zu verbessern und den Körper zu stärken. Die Chancen, das jeweilige Ziel zu erreichen, stehen umso besser, je genauer wir unsere Energie auf den Anlass abstimmen. Angenehm sachlich, gut verständlich und mit passenden Übungen erfährt man, wie sich Energie im Alltag nutzen lässt. Achtsamkeit, Meditation, Musik und Kunstwerke sind dabei meist die Mittel der Wahl. Darüber hinaus wird deutlich, wie sehr Energie tatsächlich unser Leben bestimmt.
Ein kluges, hilfreiches Buch, das man natürlich auch bei einer Tasse Kaffee lesen kann.        

Donnerstag, 7. Juni 2018

Feldforschung


Lynn McTaggart: Das Nullpunkt-Feld. Auf der Suche nach der kosmischen Ur-Energie. 330 Seiten. 9,95 €. Goldmann 
Kann es sein, dass es so etwas wie ein feinstoffliches Feld gibt, dass die unbelebte Materie und die belebte Schöpfung durchdringt? Ist es möglich, dass alles energetisch miteinander verbunden ist? Gibt es damit eine Erklärung für Phänomene wie Hellsehen, Telepathie, Geistheilung und Synchronizität? 
Sich mit solchen Fragen zu befassen, war lange Zeit Esoterikern vorbehalten, von der seriösen Wissenschaft wurde es als Fantasie abgetan. Mit den Ergebnissen der Quantenforschung wird das traditionelle Bild  allerdings erschüttert.
Die englische Wissenschaftsjournalistin Lynn McTaggart hat in 8jähriger Recherche PhysikerInnen, BiologInnen, NeurowissenschaftlerInnen und BewusstseinsforscherInnen befragt und dabei zahlreiche streng wissenschaftliche Experimente zusammengetragen. Die signifikante  Ergebnisse zeigen den Ansatz zu einer neuen Weltsicht. Offenbar kündigt sich ein tiefgreifender Paradigmenwechsel an, der das etablierte Weltbild von Newton und Darwin erschüttert.
McTaggarts versteht sich als Berichterstatterin dieser neuen Erkenntnisse. Als Journalistin gelingt es ihr, auch komplizierte Zusammenhänge für Laien verständlich zu machen. Die ausführliche Beschreibung der zahlreichen Experimente erfordert beim Lesen Geduld – man kann allerdings auch einiges überspringen. Insgesamt ist die Lektüre trotzdem anregend, weil sie auf eine völlig neue Sichtweise unserer Schöpfung aufmerksam macht. Wen das Thema interessiert, dem kann ich dieses Buch nur empfehlen.