Donnerstag, 17. Januar 2019

Alfred Adler grüßt Sokrates

Ichiro Kishimi , Fumitake Koga: Du musst nicht von allen gemocht werden.10.- €,. Rowohlt
Unter dem Titel hatte ich einen üblichen Ratgeber erwartet, der gängige Weisheiten vermittelt, wie „Sei einfach du selbst“ oder „Mach dir nichts daraus, was andere von dir denken“. Doch dann hat mich dieses Buch überrascht. Zunächst einmal durch seine Form. Es ist als Dialog geschrieben. Ein älterer Philosoph diskutiert mit einem jüngeren Mann. Das erinnerte mich sofort an die Gespräche des Sokrates, die uns Platon überliefert hat. Tatsächlich gibt es auch in diesem Buch einen zunächst uneinsichtigen Protagonisten, der allmählich durch die Weisheit eines Philosophen von einer Wahrheit überzeugt wird. Hier geht es allerdings um eine psychologische Theorie. Beleuchtet werden die Ideen des österreichischen Psychologen Alfred Adler, einem Zeitgenossen Sigmund Freuds. Er begründete im 19. Jahrhundert die als „Individualpsychologie“ bekannte Therapieform.  
Adlers Ansatz ist gänzlich anders als der von Freud und Jung. Er verneint frühe traumatische Erlebnisse als Ursache für späteres problematisches Verhalten. Für ihn ist neurotisches Verhalten lediglich ein unbewusstes Mittel, sich nicht positiv verändern zu müssen. Das gibt jedem Menschen die Freiheit, sich mutig für anderes zu entscheiden. Indem man außerdem aufhört, es allen recht machen zu wollen, lebt man sein eigenes Leben. Egoistisch ist das dennoch nicht, denn Glück gibt es nur durch Engagement für die Gemeinschaft.
Diese Gedanken werden – natürlich viel ausführlicher – im Gespräch entfaltet, wobei die Autoren dem jungen Mann die Zweifel in den Mund legen, während der Philosoph-Psychologe die Erklärungen gibt.
Mich hat das Buch begeistert. Es regt an, die Vergangenheit und die zwischenmenschlichen Beziehungen einmal aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen, die mehr Freiheit und Glück verspricht. Zwar ist es verständlich geschrieben, aber nicht so leicht zu konsumieren. Es erfordert Nachdenken und Abgleich mit dem eigenen Leben. Dann kann sich die Lektüre wie eine gute Psychotherapie auswirken: Sie befreit aus der Opferrolle.


Samstag, 12. Januar 2019

Fischfilet

Volker Kutscher: Der nasse Fisch. 576 Seiten. 12.- € , Kiepenheuer & Witsch

Auf diesen Kriminalroman hat mich die TV-Serie „Babylon Berlin“ gebracht, deren Vorlage er ist. Die Geschichte um den jungen Kriminalkommissar Gereon Rath spielt in Berlin Ende der 1920er Jahre. Die Reichshauptstadt pulsiert vor Lebenslust und -gier, mit Unterhaltung aller Art, aber auch Drogen und Prostitution. Die verschiedenen politischen Gruppen liefern sich Straßenschlachten, während die Polizei von ihrem Hauptquartier „Die Burg“ aus versucht, die Kriminalität und revolutionäre Aktionen einzudämmen. Rath, der von Köln nach Berlin versetzt worden ist, bekämpft zunächst bei der Sitte Pornografie, ermittelt dann aber auf eigene Faust in einem Mord im Rotlichtmilieu. Es handelt sich um einen „nassen Fisch“. So nennt die Berliner Polizei einen ungeklärten Fall, der in den Akten zu verschwinden droht. Schließlich kommt Rath einem Goldtransport aus Russland auf der Spur. Dabei gerät er in verzwickte und gefährliche Situationen. Natürlich spielt auch eine Frau eine Rolle. Er verliebt sich in Charly, Sekretärin im Polizeipräsidium. Soweit der Inhalt, ich will ja nicht zu viel verraten.
Es bekommt dem Roman gewiss gut, wenn man die Serie kennt. Ich sah jedenfalls beim Lesen immer Bilder aus den Filmen vor mir, was die Lektüre bunter machte. Es erfordert nämlich Geduld, um auf mehr als 500 Seiten nahezu in Echtzeit den Wendungen der Geschichte zu folgen. Gefallen hat mir dabei die Genauigkeit, mit der Kutscher das Berlin der 1920er Jahre beschreibt, vor allem die Örtlichkeiten. Man könnte mit dem Stadtplan in der Hand den Weg des Protagonisten im heutigen Berlin verfolgen. Kutschers Schreibstil ist klar und sachlich. Allerdings bin ich hier und da bei Sätzen zusammengezuckt wie „Sie schaute wie ein Auto. Ein schönes Auto“ oder „Ihre schlanken Beine flogen die Treppe hoch. Und ob man um 1929 tatsächlich bei schnellem Sex von einem „Quickie“ gesprochen hat, möchte ich bezweifeln. Aber diese Kleinigkeiten sollen niemanden daran hindern, sich mit Gereon Rath in das Berlin der Zwanziger Jahre zu begeben.   

Dienstag, 1. Januar 2019

Geistvoll

Rupert Sheldrake: Die Wiederentdeckung der Spiritualität. 7 Praktiken im Fokus der Wissenschaft. 259 Seiten. 19,99 €. O.W.Barth

Der 1942 in England geborene Biologe Rupert Sheldrake gehört zu den Vorreitern eines ganzheitlichen Weltbildes, das Naturwissenschaft und Spiritualität miteinander verbindet. Mir war er schon durch seine Theorie der morphogenetischen Felder bekannt, in der er ein Gedächtnis der Natur postuliert. In diesem Buch stellt er sieben grundlegende spirituelle Praktiken vor: Meditation, Dankbarkeit, Verbindung mit der Natur, Rituale, Pilgerreisen zu Kraftorten und Musik. Jede dieser Möglichkeiten kann dazu führen, dass wir wieder zu den Wurzeln unseres Menschseins finden. Laut Sheldrake hat ein atheistisches und mechanistisches Weltbild das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, indem es auch heilende Traditionen und Bräuche gekappt hat. Kenntnisreich und ausführlich beschreibt er die geisteswissenschaftlichen, historischen, biologischen und psychologischen Hintergründe der sieben Praktiken. Anschließend macht er zu jeder von ihnen zwei Vorschläge, wie sie sich ins tägliche Leben umsetzen lassen.
Das Buch ist interessant und inspirierend. Wer für Spiritualität offen ist, wird hier Anregungen finden, die - im Gegensatz zu so manchem esoterischen Dünnbrettbohren – auch den Intellekt einbezieht.