Donnerstag, 26. Mai 2016

Kopf hoch, Brust ´raus!



Amy Cuddy: Dein Körper spricht für dich. Von innen wirken, überzeugen, ausstrahlen. 448 Seiten. Mosaik Verlag. 19,99 €
Eine zierliche blonde Frau steht im Scheinwerferlicht und  spricht über die Bedeutung der Körperhaltung für das Selbstvertrauen:  Amy Cuddy, Sozialpsychologin an der Havard Business School.  Über 30 Millionen Mal wurde ihr für den TED-Talk (Abkürzung für Technologiy, Entertainment, Design – eine Reihe von kurzen Vorträgen im Internet) gedrehtes Video bereits angesehen.  
Doch noch viel spannender ist Cuddys Buch zum gleichen Thema. Mit vielen eigenen Studien und Experimenten von Kollegen belegt sie, wie sich die Körperhaltung auf die innere Einstellung und damit auf unsere Ausstrahlung auswirkt. Dabei macht sie sich im wahrsten Sinne des Wortes für das „Powerposing“ stark. Sie empfiehlt, vor wichtigen Anlässen im stillen Kämmerchen bewusst eine starke Position einzunehmen, etwa aufrecht zu stehen und die Hände in die Hüften zu stemmen oder die Arme wie beim sportlichen Sieg hochzureißen. Diese Vorbereitung soll helfen, im entscheidenden Augenblick Präsenz zu zeigen. Das Fazit der unterschiedlichen Aspekte, die das Buch beleuchtet: Eine expansive Körpersprache steigert den Glauben an die eigene Stärke und Fähigkeiten. Neu ist das zwar nicht, aber selten besser bewiesen als hier, mit vielen aktuellen Untersuchungen und berührenden Erfahrungsberichten.  
Ich bin wieder einmal voll Bewunderung, wie es US-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gelingt, ihre Kerngebiete fundiert und mit seriösen Belegen für die Leser so interessant und nützlich aufzubereiten. Amy Cuddys Buch gibt eine hervorragende Anleitung, wie man sich äußerlich und damit auch innerlich aufrichten kann.

Mittwoch, 11. Mai 2016

Scheitern in Hollywood



Stewart O`Nan: Westlich des Sunset. 416 Seiten. Rowohlt. 19,95 €
Neulich erst habe ich „Als Hemingway mich liebte“ vorgestellt, jetzt bin ich schon wieder in dieser Zeit gelandet: Zelda und Francis Scott Fitzgerald waren das Glamourpaar der Zwanzigerjahre. Durch den „Großen Gatsby“ berühmt geworden, genoss der Schriftsteller mit seiner Frau das wilde Partyleben an der Cote d´Azur. O´Nans biografischer Roman setzt allerdings nach diesen Eskapaden an, im Jahr 1937: Scotts Ruhm ist verblasst, er ist pleite, trinkt und nimmt Tabletten. Zelda,  psychisch krank, lebt in einer Nervenheilanstalt, die Teenager-Tochter Scottie ist bei Verwandten untergekommen. Als Fitzgerald das Angebot erhält, an Drehbüchern mitzuarbeiten, zieht er nach Hollywood.  Äußerlich befindet sich er sich dort in bester Gesellschaft, hat freundschaftliche Kontakte zu Humphrey Bogart, Joan Crawford und anderen Größen. Tatsächlich jedoch ist seine Lage desolat. Er wird ausgebeutet, gefeuert, wieder eingestellt. Einziger Lichtblick ist seine Liebe zu der Klatschkolumnistin Sheila Graham. Trotz dieser Affäre hält er an seiner Ehe mit Zelda fest und besucht sie regelmäßig. Zelda ist inzwischen unattraktiv und unberechenbar geworden, hofft aber immer noch, dass sie und Scott irgendwann wieder zusammenkommen. Er lässt sie in dem Glauben. Am Ende stirbt Fitzgerald mit 44 Jahren an einem Herzinfarkt.
Die traurige Geschichte eines Scheiterns, kühl und brillant erzählt. Nicht nur als Zeitreise in ein gnadenloses Stück Hollywood-Geschichte lesenswert, sondern vor allem als psychologisches Porträt von Auswegslosigkeit, Schwäche, Sehnsüchten und Ängsten . 

Mittwoch, 4. Mai 2016

It´s my Party



Melanie von Graeve: Events professionell managen. Das Handbuch für Veranstaltungsorganisation. Business Village. 24,80 €
Schlicht heißt es „Veranstaltung“, schick sagt man „Event“ (laut Duden wahlweise der oder das E.). Vom Aufwand her ist allerdings beides gleich. Je nach Anlass und Anspruch gibt es viel zu bedenken: Wer ist die Zielgruppe? Was erwartet die? Was muss für die Location beachtet werden - und und und. Oft vergisst man dabei die Hälfte oder weiß nicht einmal, dass man daran denken sollte . Von Graefes Handbuch ist da für jede Planung eine ausgezeichnete Hilfe, von der Party zum runden Geburtstag bis zur aufwändigen Präsentation des neuen Automodells. Besonders lobenswert ist der ganzheitliche Ansatz, wie die Überlegung zu besonderen Teilnehmergruppen, zu rechtlichen Grundlagen, Sicherheitshinweisen, Personalauswahl und - briefing sowie der wichtigen Nachbereitung. Das alles ist so klar und übersichtlich zusammengestellt - kein Wort zu viel, keines zu wenig - dass man als Laie auf dem Gebiet sofort bestens damit zurechtkommt. Gleichzeitig ist es so anspruchsvoll, dass auch Fachleute davon profitieren können. Besonders hilfreich sind die ausführlichen Checklisten.
Ein praktisches, wohldurchdachtes, umfassendes Handbuch für Anfänger und Profis. Unbedingt empfehlenswert, es ersetzt einen Kursus in Eventmanagement.

Freitag, 29. April 2016

Das rockt!



Katrin Saalfrank: Freedom Run. From Kyuss Lives to Vista Chino. Selbstverlag. Erhältlich unter diesem Link http://www.katrinsaalfrank.com/#!freedom-run/c1rov  48.83 €
Diesmal möchte ich ein ungewöhnliches Buch vorstellen, speziell für LiebhaberInnen von Rock und Fotografie. Aber zunächst ein Geständnis: Musikalisch bin ich bei den Beatles, Stones und Elvis stehengeblieben. Die Band „Kyuss Lives“, die sich später aus rechtlichen Gründen in „Vista Chino“ umbenannte, sagte mir zunächst gar nichts.  Was nichts heißen will, denn  unter Fans der Rockmusik ist sie sehr bekannt. Doch dann kam mir  dieses Buch in die Hände: Die Fotografin Katrin Saalfrank hat die Band  über längere Zeit begleitet und dabei großartige Bilder gemacht. Die Mischung aus Schnappschüssen und Professionalität ist sehr besonders und hohe Kunst. Ein Blick auf Wasserflaschen und leere Bierdosen zählt dabei ebenso wie  ein ernstes Porträt,  Bewegung hinter den Kulissen, ein Bühnenauftritt, tätowierte Hände oder eine leere Wüstenlandschaft. Insgesamt ergibt das eine großartige Lebendigkeit. Selten, dass ein Fotoband in seiner Komposition solche Leidenschaft ausstrahlt. Erschöpfung, Energie, Emotionen, Adrenalin - die Bilder anzuschauen, ist purer Rock´n Roll, sogar für musikalische Schmalspurer wie mich. Die kurzen Texte dazu sind auf Englisch. Ein hochwertig gemachtes Buch, das sich Interessierte unbedingt gönnen sollten.


   

Dienstag, 19. April 2016

Liebe auf englische Art



Jane Gadam: Eine treue Frau. 270 Seiten. Hanser Berlin. 21,90 €
Die Engländerin Jane Gardam ist 87 Jahre alt und laut Spiegel die literarische Entdeckung der Saison. Höhepunkt ihres Werkes ist eine Triologie über den Kronanwalt Edward Feathers, seine Frau Betty und Terry Veneering, ein Kollege Feathers, mit dem Betty heimlich ein Verhältnis hat. Jeder Band rückt eine dieser drei Personen in den Mittelpunkt und ist in sich abgeschlossen. „Eine treue Frau“ ist der zweite Teil. Er beginnt in Honkong, zum Ende des britischen Empires, wo Edward Betty einen Heiratsantrag macht. Sie nimmt an, obwohl sie weiß, dass die Ehe nur auf Verlässlichkeit und Vernunft gegründet sein wird. Kurz darauf begegnet sie Terry und lernt mit ihm für eine Nacht Leidenschaft kennen. Trotzdem hält sie ihr Eheversprechen. Gardam beschreibt diese Ehe, in die immer wieder die Sehnsucht nach der anderen Liebe hineinspielt, bis zum Tode der drei Protagonisten. Dazu benutzt sie eine zurückhaltende Sprache, die für die Beschreibung von Gefühlen  hervorragend geeignet ist und in der auch immer ein trockener Humor aufblitzt.  
Ein feines, weises Buch und ein großes Lesevergnügen. Ich habe mich dabei gefühlt, als ob ich verwunschene englische Gärten besichtige.

Samstag, 16. April 2016

Havanna



Andreas Kaiser: Havana. Hardcover 30 mal 26 cm, ca. 250 Fotos in sw/Farbe. Koehler Verlag. 39,90 €
„Besuchen Sie Europa, so lange es noch steht“, diese Liedzeile einer deutschen Band lässt sich auch auf Havanna anwenden. Die Stadt befindet sich im Wandel. Schon jetzt prägen Baustellen das Panorama der Drei-Millionen-Metropole. Es entstehen Luxushotels, Golfplätze und Yachthäfen. Aber noch gibt es den morbiden Charme. Den arbeitet Andreas Kaiser in seinem Bildband in allen Facetten heraus. Auf mehr als 200 großen Fotos, schwarzweiß und farbig,  zeigt er die kubanische Hauptstadt mit ihrer Architektur: Bauten aus der Kolonialzeit im Verfall, marode Hinterhöfe, Stadien, Plätze der Revolution, Kinos, einen Friedhof. Kaisers Kamera unbestechlich, hier wird nichts geschönt. Doch gerade die düstere Mischung aus Prunk und Vergänglichkeit ist faszinierend.
Mir gefällt die Präzision und Ehrlichkeit. Eben nicht Rumba, Rum und tanzende Einwohner, sondern ein klarer Blick auf Bauwerke, der für sich spricht. Eine interessante Sightseeing-Tour durch eine untergehende Welt, die an Architektur interessierte LeserInnen bequem auf dem Sofa machen können. Die Texte sind übrigens dreisprachig, Deutsch, Englisch und Spanisch.