Sonntag, 17. Juni 2018

Die Freiheit der Frauen

Nina George: Die Schönheit der Nacht. 314 Seiten. 18,99 €. Knaur

Nina George kenne ich noch als Kolumnistin des Hamburger Abendblattes – ohne sie hätte ich nicht gewusst, dass bei Planten und Blomen im Sommer wunderbare Wasserspiele stattfinden. Später habe ich mit Vergnügen ihre bezaubernden Bücher „Die Mondspielerin“ und „Das Lavendelzimmer“ gelesen, mit dem sie international Erfolg hatte. Nun ist ein neuer Roman von ihr erschienen, den ich natürlich gleich lesen musste. Vor allem wo er wieder in der von mir geliebten Bretagne spielt.-
Die Pariser Verhaltensbiologin Claire und ihr Ehemann, der Komponist Gilles, führen scheinbar ein perfektes Leben, zusammen mit ihrem fast erwachsenen Sohn Nicolas. Und doch fehlt dem Paar das Gefühl, wirklich zu leben und nicht nur zu funktionieren. Jeder der beiden versucht, über Seitensprünge wieder ein Gefühl von Leidenschaft zu gewinnen. Ihren Sommerurlaub verbringen Claire und Gilles mit ihrem Sohn und dessen neuer Freundin Julie in ihrem Haus in der Bretagne. Dort kommen sich die beiden Frauen näher. Die kühle, innerlich wie versteinerte Claire und die lebenshungrige, aber ängstliche Julie sind von einander fasziniert. Während die erfahrene Claire der jungen Frau hilft, ihre Ängste zu überwinden, zeigt diese ihr einen Weg aus übermäßiger Kontrolle und Erstarrung. Die innere Verbindung der Frauen führt zu einer körperlichen Sinnlichkeit, die die Männer am Ende ausschließt - zumindest für einige Zeit.
Der Roman erhält seine Spannung nicht durch die Handlung, sondern indem er die seelischen Zustände der beiden Frauen beschreibt, ihre Suche nach ihrer wahren Identität. Eine Rolle spielt dabei auch die beeindruckende Kulisse der Bretagne, vor allem das Meer.
Nina George schreibt literarisch, poetisch, mit vielen Metaphern. Das ist oft schön, erscheint mir manchmal jedoch bemüht. Diese Ambivalenz empfinde ich auch in Bezug auf den gesamten Roman: Ich habe ihn gerne gelesen und kann die Sehnsucht der Protagonistinnen nach einem freien, authentischem Frauen-Leben durchaus nachvollziehen. Gleichzeitig erscheint mir ihr Problem luxuriös und spezifisch für die Gesellschaftsschicht, der Claire als erfolgreiche Professorin angehört. Trotz dieser (meiner persönlichen) Einschränkung lohnt sich die Lektüre.   

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