Montag, 13. November 2017

Gefühle runter von der Couch!

Christian Dogs, Nina Poelchau: Gefühle sind keine Krankheit. 230 Seiten, 20.- € , Ullstein

Eigentlich hatte ich unter dem Titel eine ausführliche psychologische Betrachtung von verschiedenen Gefühlen erwartet. Doch der Facharzt für Psychiatrie und Psychosomatik (mit einer Journalistin als Co-Autorin) befasst sich mit dem Thema überwiegend unter einem anderen Aspekt: Die oft falsche Behandlung von Gefühlen in der Psychotherapie. Besonders und sehr bewegend ist, dass er seine persönliche Erfahrung aus Kindheit und Jugend einbringt. Dogs hat furchtbar unter einem sadistischen Vater und einer alkoholkranken Mutter gelitten. Dass er diese familiäre Hölle überwinden konnte, macht ihn als Therapeut so glaubwürdig. Da schreibt jemand, der Leid kennt und es trotzdem geschafft hat, sein Leben positiv zu gestalten. Das eigene Erleben und seine langjährige Berufserfahrung als Klinikleiter führen dazu, dass er mit Depressionen, Burn-out, Magersucht und anderen seelischen Störungen wesentlich praktischer und effektiver umgeht, als es in Therapien oft üblich ist. Der Autor erklärt mit vielen Beispielen, warum es so wichtig ist, unangenehme Gefühle und Warnsignale des Körpers frühzeitig wahrzunehmen. Und er beschreibt, wie eine Psychotherapie aussehen sollte, falls Selbstheilungskräfte nicht ausreichen: Empathisch, offen, partnerschaftlich und wirkungsvoll. Das verbindet Dogs mit scharfer Kritik an veralteten Therapieverfahren, an Verstrickungen von Ärzten und Therapeuten mit der Pharmaindustrie und an Therapiekonzepten, die Patienten auch mit Blick aufs Honorar unnötig in Abhängigkeit halten.
Die Stärke des Buches liegt darin, dass es Mut macht, sich den eigenen Gefühlen zu stellen. Außerdem informiert es darüber, wie eine sinnvolle Therapie nach neuer Forschung sein sollte. Bedauerlich ist, dass es in der zweiten Hälfte vom Thema Gefühle abkommt. Und wenn man schon die Beschreibung einzelner Therapiemethoden mithinzunimmt, dann bitte nicht so kurz, zudem fehlen wichtige Methoden wie etwa die Gestalttherapie.
Als ehemalige Psychotherapeutin empfehle ich das Buch. Es ist gut lesbar und für jeden interessant - besonders aber für diejenigen, die eine Psychotherapie machen oder erwägen.


1 Kommentar:

  1. Liebe Frau Dr. Wlodarek, das Buch ist für mich hochinteressant und deshalb bereits so gut wie bestellt. Wahrscheinlich ist es auch für diejenigen hilfreich, die weniger gute Erfahrungen mit Psychotherapie gemacht haben und selbstreflektierend sind. Jeder Mensch kennt nur allein seinen Schmerz. Ängstliche „Opfer“ werden leider von Ärzten oder Therapeuten oft nicht wirklich ernstgenommen, vor allem wenn sie einen halbwegs normalen intelligenten Eindruck machen. So jedenfalls meine Erfahrung. Danke und herzliche Grüße nach Hamburg!

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